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Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Lyrikanthologien. Kurze Gattungsvertreter auf engem Raum.

sphnix

Gefährte

Lyrikanthologien. Kurze Gattungsvertreter auf engem Raum.

Lyrik generell ist eine eher diskriminierte Form der Literatur - diskriminiert von den Lesern, besser, den Nichtlesern. Dabei hat Lyrik den Vorteil, kurz zu sein - und Lyrikanthologien haben des weiteren den noch vorteilhafteren Vorteil der Vielfalt. Während der gemeine Hausroman so etwas ist wie eine Gummibärchentüte mit nur roten Gummibärchen, ist die Anthologie so etwas wie HariboColorado: Man mag zwar die Hälfte des Zeugs nicht, das drin ist, aber dafür hat man Abwechslung.

Scherz beiseite (und Schluss mit diesen abscheulichen kulinarischen Vergleichen, die in Bezug auf Literatur eigentlich immer unheilvoll sind):
Lyrikanthologien haben im Prozess meiner schleichenden Lyrisierung eine wichtige Rolle gespielt; und ihre Verwendung kann sich dem noch lyrikfremden Schnellleser, dem Proust zu umfänglich und Musil immer noch zu ziegelsteinverwandt ist, gute Dienste leisten; ebenso wie dem schweifenden Lyrikkennenden neue Jagdgebiete aufzeigen.

Auch in Bezug auf Anthologien gibt es verschiedene Arten, mehr oder weniger sympathische. Mir fallen folgende ein:

A. Die Chronologisch-Lexikalische Anthologie (CLA). Sie versammelt Gedichtstichproben einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Sprachraumes usw. Sie ist nüchtern und nützlich - mehr oder weniger.

B. Die Individualanthologie (IA, kurz auch: Eselanthologie genannt). Sie enthält Gedichte, die jemandem gefallen haben, hat oft das Wörtchen „meine“ im Titel und serviert in der Praxis meist viel ohnehin (zum Beispiel aus CLAs) Bekanntes, weil der seine Vorlieben dem Publikum servierende „meine“-Sagende damit nichts falsch machen zu können meint (böse Unterstellung meinerseits).

C. Die Themenanthologie (TA). Ich habe den Verdacht, das Verlage selbige häufig auf den Markt werfen, weil sie an einigen Dichtern sowieso die Rechte haben, aber das Kaufende Publikum nicht so leicht nach der Eichendorff-Werkausgabe als nach der Anthologie „Leise rieselt der Schnee. Wintergedichte“ greift, speziell im Dezember. Die Themenanthologie ist ergo häufig sowas wie ein Gedicht-Bordell; sie kann aber auch Sinn und Zweck haben.

D. Die Formale Anthologie (FA). Sie spezialisiert sich auf Gedichte einer bestimmten Lyrikart- Ballade, Sonett, Epigramm.

E. Die Mischanthologie (MA). Sie enthält neben Gedichten auch andere Gattungen.


Häufig gehört eine Anthologie mehreren Formen zugleich an.
Neben den obengenannten gibt es vermutlich auch noch andere Typen, aber die fallen mir grade nicht ein (mag jemand ergänzen?).

Dieser Thread hat nun die Aufgabe, diverse Lyrikanthologien vorzustellen, zu kritisieren, zu loben, einzelne Gedichte daraus zu zitieren etc. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch jmd anders als ich hier schreiben wird; aber ich werde jetzt jedenfalls den Anfang machen:




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sphnix

Gefährte

Die Bibel [Re: sphnix]

Nämlich mit dem Conrady.
Warum ist er die Bibel unter den Lyrikanthologien? Weil er fett ist. Fett, angeschwollen von mehr oder weniger deutschsprachigen Gedichten. Mehr oder weniger deshalb, weil er mit recht altertümlichen Formen anfängt - der meine (nicht die alleraktuellste, sondern die Fassung von 2000) beginnt mit dem Wessobrunner Gebet und endet mit Albert Ostermaier. Als typischer Vertreter der CLA ist er chronologisch geordnet; die Absichtserklärung des Zusammenstellers lautet:

"Die Anthologie sollte weit mehr bieten als die bekannten und im Gedächtnis der Lyrikliebhaber haftenden Stücke, nämlich eine reichhaltige Sammlung der zahlreichen und unterscheidlichen 'Spielarten' deutschsprachiger Lyrik." (Vorwort)

Wer Gedichte nicht hasst, noch 6 cm Platz in der Breite und 25 cm Platz in der Höhe hat (und vielleicht außerdem gerne Blumen presst), sollte sich den Conrady besorgen, es schadet nicht; und mir hat er oft genutzt -unterhaltenderweise, rätselerstellenderweise, und im dem Sinne, dass ich darin auf Autoren gestoßen bin.

Dem Wikipediaartikel entnehme ich, dass der Mann, der diesen Walfisch unter den Anthologien großgefüttert hat, gerade dieses Jahr, vor erst 12 Tagen, gestorben ist, mit 94. Wäre ich Dennis Scheck, würde ich jetzt sagen, dass Lyriklesen eben das Leben verlängert. Aber erstens ist das natürlich Unsinn, und zweitens, wer will denn 94 werden?

Besitzt jemand übrigens die Ausgabe von 2008 und kann mir sagen, mit welchen Gedichten/Autoren diese abschließt?




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sphnix

Gefährte

kürzer: [Re: sphnix]

Eine Lyrikanthologie der Gattungsmischung CLA und IA (aber im guten Sinne) ist die Anthologie Das bleibt. Deutsche Gedichte 1945-1995, herausgegeben von Jörg Drews. Das Selektionskriterium von Drews war, so sagt er im kleinen Vorwort, nicht Beliebtheit oder historische Bedeutung, sondern Qualität: „Gedichte, in denen der Bezirk des Sagbaren erweitert wurde und denen ein Fortleben und Weiterwirken zu wünschen ist.“
Ein normativer Ansatz, der mir gefällt. Die Gedichte sind alphabetisch angeordnet, und neben bekannten Namen (den lyrische B’s - Bachmann, Benn, Brecht - usw.) fand ich auch mir unbekannte Namen; und bis dahin unbekannte Gedichte von vor allem dem Namen nach bekannten Dichtern.

Gerhard Rühm war mit z.B. bis dahin nicht wirklich ein Begriff:
„marianne, deine kunst in ehren
aber ...“ [das IST das ganze Gedicht] (193)

Oder Konrad Bayer: „glaubst i bin bleed, das i waas, wos i wüü?“ (41)

Schön vertreten auch Artmann:
„mescalin und morphium
wächst in unsrem garten. ...“
(26)

Und von Jandl sollte ich mir vermutlich doch eine Gesamtausgabe kaufen:
„Ich klebe an gott dem allmächtigen vater
schöpfer des himmels und aller verderbnis
und an seinem in diese scheiße hineingeborenen sohn ...“
(135)

Und von Ror Wolf vielleicht auch. Und ...

Wie dem auch sei - die Anthologie als Ganzes scheint mir recht anschaffenswert. Ganz vorne steht auch ein tiefsinniger Dreizeiler vom 17.2.2015:
„Ich trinke Rum und Gin in der Taverne:
Das Leben hasst mich.
Doch ich lebe gerne.“
Allerdings ist selbiger nicht in jeder Ausgabe enthalten, sondern nur in meiner, in welche ich ihn mit Bleistift hineingekritzelt habe. Wie war ich damals noch optimistisch! Oder auch nicht.




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Pyr

Gefährte

Re: kürzer: [Re: sphnix]

sphnix schrieb:
Ganz vorne steht auch ein tiefsinniger Dreizeiler vom 17.2.2015:
„Ich trinke Rum und Gin in der Taverne:
Das Leben hasst mich.
Doch ich lebe gerne.“
Allerdings ist selbiger nicht in jeder Ausgabe enthalten, sondern nur in meiner, in welche ich ihn mit Bleistift hineingekritzelt habe. Wie war ich damals noch optimistisch! Oder auch nicht.





Ich kann wenig zu diesem Thread beitragen; allenfalls könnte ich dir weitere zu analysierende Werke vorschlagen, auf die du aber wohl unlängst auch selber kämest. Ich finde ihn aber bislang höchst lesenswert und unterhaltsam.



In ihrem Schweigen gegen die Erlebnisberichte der Individuen wird die Totalität das letzte Wort behalten.
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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Pyr]

Was hindert dich am eignen Vorstellen?



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Vennolandua

Gefährte

Re: kürzer: [Re: sphnix]

Ich habe nun auch mal ins Regal geschaut und festgestellt, dass ich als der Lyrik nicht ganz abgeneigte Person diesbezüglich erschreckend wenig in Buchform habe, besonders was Anthologien betrifft ...

Gefunden habe ich gerade nur: 1) "Deutsche Gedichte des Mittelalters" von reclam, 2) "Nemt, frouwe, disen kranz. Mittelhochdeutsche Gedichte" aus der Ullstein-Reihe "Die Frau in der Literatur", 3) "Selected Ballads" von reclam, 4) "Auf einen Atemzug. Klassische Haiku" als Minibändchen von dtv, und 5) "Three Tang Dynasty Poets" von Penguin Classics.

Kann ich noch als "Mischanthologien" im weitesten Sinne meine alten Schullesebücher dazunehmen, die ja auch Lyrik enthalten? Da schaue ich tatsächlich öfter auf Textsuche rein, und da finde ich manchmal auch wieder was, dem ich weiter nachgehen möchte (idR bei Texten, die wir damals nicht im Unterricht behandelt haben).

In Sachen "Einzellyriker" sieht es im Regal etwas besser aus, aber auch nur minimal ...


Für den "Conrady" hatte ich mich schon länger mal interessiert, musste aber gestern feststellen, dass zumindest der große Online-Buchversender nur eine "überarbeitete" Fassung anbietet ...? "Neben vertrauten, zum Kanon zählenden und bewährten Gedichten wurden verstärkt neuere und zeitgenössische Texte auch junger Lyriker sowie zentrale Gedichte von DDR-Autoren aufgenommen." Die Beschreibung "besonders leserfreundliches Standardwerk für Lyrik in der Schule" macht mich irgendwie misstrauisch ...
Und "Der Große Conrady. Das Buch deutscher Gedichte" von 2008 soll auf dem Marketplace 599 Euro kosten ...?!

Den anderen beschriebenen Band kann ich da auch nicht finden ...
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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Vennolandua]

Da anderer Band:

https://www.amazon.de/Das-bleibt-Deutsch...ooks&sr=1-1

-----------


Was deine Anthologien betrifft. Aber was gibt es über sie zu sagen? Wie sind sie? Wie sind sie aufgebaut? Und wie gut sind die in ihnen enthaltenen Gedichte?

[mit Haikus konnte ich ja nie was anfangen - wäre also an einer Darstellung des Haikubandes am meisten interessiert.]




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Caddy

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Vennolandua]

Vennolandua schrieb:
Für den "Conrady" hatte ich mich schon länger mal interessiert, musste aber gestern feststellen, dass zumindest der große Online-Buchversender nur eine "überarbeitete" Fassung anbietet ...? "Neben vertrauten, zum Kanon zählenden und bewährten Gedichten wurden verstärkt neuere und zeitgenössische Texte auch junger Lyriker sowie zentrale Gedichte von DDR-Autoren aufgenommen." Die Beschreibung "besonders leserfreundliches Standardwerk für Lyrik in der Schule" macht mich irgendwie misstrauisch ...
Und "Der Große Conrady. Das Buch deutscher Gedichte" von 2008 soll auf dem Marketplace 599 Euro kosten ...?!



sphinx meint den »Großen Conrady«, der in ihrer Ausgabe schlicht noch nicht so hieß, weil es den zugehörigen »kleinen Conrady« noch nicht gab. Mit der Ausdifferenzierung wurde der Conrady in »groß« umbenannt. Zumindest bei ebay scheint es noch ein gebrauchtes Exemplar zum ursprünglichen Neupreis (knapp 50 Euro) zu geben, ansonsten verlangen Händler da derzeit offensichtlich Mondpreise. Mich wundert aber eh, dass das Buch nicht über den regulären Buchhandel erhältlich ist.

Um den Thread auch noch um eine Variante zu ergänzen: Vereinzelt existieren auch Übersetzer-Anthologien, bei denen also ein und derselbe Übersetzer Gedichte verschiedener Autoren übersetzt und in einem Buch gesammelt hat. Spontan fallen mir da Geisterstimmen von Enzensberger und Streiflichter von Julia Schiff ein.


Look at the octopus. Look into his great inhuman eyes.
~ William S. Burroughs, »Octopus«

Aber nein, das tut Caddy nicht. Natürlich tut Caddy das nicht.
~ William Faulkner, Schall und Wahn
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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Caddy]

Ich meine die älteren Ausgaben (ob da arg viel "fehlt", weiß ich nicht); und die kann man auch für so 15 Euro haben:

https://www.amazon.de/neue-Conrady-deuts...ooks&sr=1-6

https://www.amazon.de/Neue-Conrady-gro%C...ooks&sr=1-1



Da ist dann wahrscheinlichh Ann Cotten nimmer drin, aber für "Lyrik die der letzte Schrei ist" kann man sich ja andre Anthologien zulegen.


F. Die Übersetzer-Amthologie (ÜA) -
ist notiert. Hatte ich gar nicht auf dem Schirm und besitze es auch nicht, klingt aber interessant. Besitzt jmd hier z.B. die Enzensbergersche und kann sagen, wie sehr der Übersetzer das Übersetzte prägt?




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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: sphnix]

Korrigierung: "Die Erfindung der Poesie" von Schrott könnte man auch darunter rechnen, fällt mir ein. Vielleicht schreibe ich über die auch noch was.



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Pyr

Gefährte

Re: kürzer: [Re: sphnix]

sphnix schrieb:
Korrigierung: "Die Erfindung der Poesie" von Schrott könnte man auch darunter rechnen, fällt mir ein. Vielleicht schreibe ich über die auch noch was.



Worunter kann man die rechnen?



In ihrem Schweigen gegen die Erlebnisberichte der Individuen wird die Totalität das letzte Wort behalten.
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Caddy

Gefährte

Re: kürzer: [Re: sphnix]

sphnix schrieb:
Besitzt jmd hier z.B. die Enzensbergersche und kann sagen, wie sehr der Übersetzer das Übersetzte prägt?


Zumindest bei Dramenübersetzungen scheint Enzensberger ein wenig durch.


Look at the octopus. Look into his great inhuman eyes.
~ William S. Burroughs, »Octopus«

Aber nein, das tut Caddy nicht. Natürlich tut Caddy das nicht.
~ William Faulkner, Schall und Wahn
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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Pyr]

Pyr schrieb:
sphnix schrieb:
Korrigierung: "Die Erfindung der Poesie" von Schrott könnte man auch darunter rechnen, fällt mir ein. Vielleicht schreibe ich über die auch noch was.



Worunter kann man die rechnen?

Unter die ÜA

("Amtologie" ist schön )




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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Caddy]

Caddy schrieb:
sphnix schrieb:
Besitzt jmd hier z.B. die Enzensbergersche und kann sagen, wie sehr der Übersetzer das Übersetzte prägt?


Zumindest bei Dramenübersetzungen scheint Enzensberger ein wenig durch.



Ich kann das nicht. Ich fahre aus der Haut,
weil mir vor euern Schweinereien graut




Ich dachte vor allem, es ist bei Gedichten verschiedener Autoren vermutlich interessant. Also, der verfälschende Gemeinsame Nenner des Übersetzers.




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Vennolandua

Gefährte

Re: kürzer: [Re: sphnix]

sphnix schrieb:

Was deine Anthologien betrifft. Aber was gibt es über sie zu sagen? Wie sind sie? Wie sind sie aufgebaut? Und wie gut sind die in ihnen enthaltenen Gedichte?

[mit Haikus konnte ich ja nie was anfangen - wäre also an einer Darstellung des Haikubandes am meisten interessiert.]



Nun, es sind winzige Büchlein im Taschenformat, die ich aus Neugier angeschafft habe, um mal in ein literarisches Gebiet zu schauen, von dem ich quasi nichts weiß …

Die „Tang Dynasty Poems“ sind solche von Wang Fei, Li Po und Tu Fu, die im 8. Jh. lebten und schrieben.
Thematisch sind es oft Naturschilderungen mit Bezügen zu Alltagshandlungen (Abschiednehmen, Heimkommen), die – in der Übersetzung – durchaus modern wirken. Zu Formalia wie Struktur und Aufbau (und ob die Übersezung diesen gerecht wird), kann ich nichts sagen.
Ich finde sie aber weniger interessant als die Haiku.

Zur Haiku-Form habe ich generell den etwas schwammigen Bezug „etwas kurz in drei Zeilen“ ausdrücken. Das ist natürlich im Original sehr viel formaler, als Beschreibung einer einmaligen Situation in Bezug auf einen Naturgegenstand, jahreszeitlich einzuordnen, in 5-7-5 Moren (die nicht deutschen Silben entsprechen), wie ich gelesen habe. Im Deutschen versucht man dann wohl unter max. 17 Silben zu bleiben … Das dtv-Bändchen enthält Haiku von Basho, Issa, Buson und einigen anderen, die den Ereignis-Natur-Jahreszeiten-Bezug im Wesentlichen repräsentieren:

Abend im Herbst.
Auf einem dürren Ast
hockt eine Krähe. (Basho),

Der Bauer, beim Rübenausziehen,
zeigt den Weg
mit einer Rübe. (Issa).

Auch hier kann natürlich die Übersetzung durchaus interessante Varianten aufbieten:
Im dtv-Bändchen wird das Froschgedicht von Basho so wiedergegeben:
Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
das Geräusch des Wassers.

In einer anderen Version lautet die letzte Zeile einfach lautmalerisch: Plop. (oder: Platsch.) – was ich durchaus schöner finde.

Generell mag ich die Idee, eine wie auch immer geartete "Natur-Situation" kurz zu fassen. Wenn ich mich selbst daran versuche, kommt u.a. sowas dabei heraus:
Sommernachtwind
von West.
Laut singt die Autobahn.
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sphnix

Gefährte

Re: kürzer: [Re: Vennolandua]

Pro Autobahn.

-----

Ich fürchte ansonsten, zu Naturgedichten habe ich nur dann Bezug, wenn es um "mehr" darin geht; der reine Impressionismus scheint mir immer etwas belanglos und öde (insofern tatsächlich pro Autobahn auch deswegen, weil sie eine Brechung darstellt - also etwas Interessantes einfügt). Das ist wohl mein innerer Brecht - die Natur sah ich ohne Geduld und so.

Interessant an der Sache scheint mir tatsächlich vor allem die Übersetzungsfrage, weil man das anhand der Minimalform wahrscheinlich gut nachvollziehen kann.




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Vennolandua

Gefährte

länger [Re: sphnix]

Keine Lyrikanthologie, sondern im besten Fall eine Misch-Anthologie:
das Lesebuch der 7. Klasse der DDR von 1987 aus dem Verlag Volk und Wissen

Fiel mir neulich gerade wieder in die Hände, und da dachte ich mir, schauen wir doch mal, was uns da generell so an Lyrik angeboten wurde – und was davon wir tatsächlich behandelt haben (bzw. ob ich mich daran überhaupt noch erinnern kann …)

Es gab drei übergeordnete Themengebiete:
I Aus dem frühen literarischen Erbe
II Aus dem bürgerlich-humanistischen Erbe
III Aus der sozialistischen Literatur des 20. Jahrhunderts

(Es gab keine mit den Klassenstufen „mitlaufende“ chronologische Betrachtung von der Antike bis zur Neuzeit; manche Themen, wie das „bürgerlich-humanistische Erbe“ mit Goethe, Schiller und Kollegen oder natürlich die sozialistische Literatur, kamen jedes Jahr dran.)

I) Sofern der Merseburger Zauberspruch (Pferdesegen) zählt, gibt es sogar etwas in Althochdeutsch (mit Übersetzung). Dann drei Gedichte von Walther von der Vogelweide (je mhd. und nhd. übersetzt: Uns hât der winter geschât über al; Ich saz uf eime steine; Ich hân mȋn lêhen), dazu einige Volksliedtexte.

II) Fabeln in Versen von Jean de la Fontaine und Iwan Andrejewitsch Krylow. Dann Klassiker: Schillers „Handschuh“ und Goethes „Zauberlehrling“. Heinrich Heine („Meerestille“), Conrad Ferdinand Meyer („Zwei Segel“), Friedrich Hebbel („Herbstbild“), Theodor Storm („Die Stadt“, „Abseits“), Eduard Mörike („Septembermorgen“), Christian Morgenstern („Möwenlied“, „Der Schnupfen“), Ringelnatz („Im Park“).

III) Bertold Brecht („Auf einen chinesischen Theewurzellöwen“, „Friedenslied“), Ho Chi Min („Erste Seite des Tagebuchs“), Paul Eluard („Bekanntmachung“), Erich Weinert („Eine deutsche Mutter“), Johannes R. Becher („Deutschland, meine Trauer“, „Morgensonne am Meer“, „Sonnenblumensonnett“), Kuba („Hebespruch“, „Brot und Wein“), Rainer Kirsch („Imperialistenlogik“), Wolfgang Trampe („Spaziergang“), Jewgeni Jewtuschenko (Als dein Gesicht sich vor mir hob), Kurt Steiniger („Kleine Ursache – Große Wirkung“), Hansgeorg Stengel („Trugschluß“), Joachim Priewe („Die Windbeutel-Ballade“), Peter Hacks („Der Monarch“), Wulf Kirsten („legende“), Eva Strittmatter („Einsamkeit“), Heinz Kahlau („Der ungebetene Gast“, „Mein Vater“), Jürgen Rennert („Juli“), Gisela Steineckert (Soll der Mensch den Menschen nie mehr).

Das ist insgesamt nicht wenig und eigentlich eine ziemlich bunte Mischung. … Tatsächlich behandelt haben wir meiner Erinnerung nach aber nur einen Bruchteil. Das Mittelalter spielte erstaunlicherweise eine große Rolle, die ahd./mhd. Verse haben wir durchgenommen.
Die Fabeln haben wir zum Teil gelesen. Goethe/Schiller waren ausführlich dran – und wir konnten uns aussuchen, ob wir den Handschuh oder den Zauberlehrling auswendig lernen wollten. (Handschuh!) Storms „Stadt“ wurde gelesen und kurz besprochen. Der Rest aus II war im Unterricht wohl nicht dran, aber da ich zu den merkwürdigen Leuten gehörte, die im Lesebuch auch lasen, was nicht „Pflichtstoff“ war, erinnere ich mich daran, Morgenstern und Ringelnatz für unterhaltsam und lustig befunden zu haben.

III) Hier wird’s schwammig im Gedenken… Weinerts „Deutsche Mutter“ haben wir besprochen und das mussten wir auch auswendig lernen, genauso Hacks‘ „Monarch“. Brechts „Friedenslied“ haben wir gelesen und diskutiert, Steineckert auch. An den Rest kann ich mich nicht erinnern …
Aber wir mussten ja auch noch anderen, nicht-lyrischen Stoff durchnehmen.
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sphnix

Gefährte

Re: länger [Re: Vennolandua]

Ich kenne das auch so, dass Lesebücher nur teil-gelesen werden. Aber ja, ich war auch immer jmd, der sich das lesebuch in den ersten Schulwochen zusammengelesen hat; nicht alles, aber alles interessante.



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