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Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Harry Potter und die bürgerliche Ideologie. Eine kritische Auseinandersetzung mit Aufbau, Inhalt und Hintergrund der Romane.

sphnix

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Harry Potter und die bürgerliche Ideologie. Eine kritische Auseinandersetzung mit Aufbau, Inhalt und Hintergrund der Romane.




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sphnix

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Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: sphnix]

So, um mit ein paar gedanklichen Lockerungsübungen zu beginnen ...
Mir kam gestern das Thema H.P. wieder in den Sinn, da ich bei Streichen meiner Wohnung Teile des 6. Bandes hörte und mir dabei auffiel, wie widersprüchlich die in den Bänden vertretene Ideologie ist. Dafür zunächst ein paar platte, augenfällige Beispiele:

1. Der karrieristische und "standesmäßige" Dünkel der Malfoys ist böse - Mrs. Weasly, die als durchgehend positive Figur gezeichnet ist, ist stolz auf die schulischen Leistungen ihrer Söhne, hält diese zu leistungsorientiertem systemkonformem Verhalten an. In Band 6., als allen das Wasser schon längst bis zum Hals steht, freut sie sich stolz über die Beförderung ihres Mannes.

2. Zauberer-Rassismus gilt als böse; als Slughorn sich erstaunt darüber zeigt, dass die muggelstämmige Pottermami so brilliant war, ist dies in Harrys Augen ein übler Verstoß gegen Moral und Anstand. Man muss das als Kritik an einem Denken verstehen, dass den Menschen nach seiner Herkunft beurteilt und Charakter und Begabungen als erblich setzt - im selben Band spricht Dumbledore nach dem ersten Ausflug in die Geschichte Voldemorts von der sich über die Generationen hin steigernden, durch innerfamiliäre Eheschließungen steigernden Verderbtheit der Gaunts: Hier ist Familie Schicksal, und zumindest suggestiv hat man es mit der Genetik des Bösen zu tun.

3. Das Hauselfen-Dasein wird (BELFER!) als sozialer Missstand erfasst; ein Elf, der möchte (Dobby) kann um seine Freiheit kämpfen - gleichzeitig wird der unbedingte Gehorsam der Hauselfen als mechanische Gesetzmäßigkeit eingeführt. (Dumbledore testet auf diese Weise, ob Kreacher und damit das Haus der Blacks an Harry vererbt wurde)


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Der FlammiferArdapedia-Admin

Gefahr

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: sphnix]

sphinx schrieb:
Das Hauselfen-Dasein wird (BELFER!) als sozialer Missstand erfasst; ein Elf, der möchte (Dobby) kann um seine Freiheit kämpfen - gleichzeitig wird der unbedingte Gehorsam der Hauselfen als mechanische Gesetzmäßigkeit eingeführt (Dumbledore testet auf diese Weise, ob Kreacher und damit das Haus der Blacks an Harry vererbt wurde)


Der Gehorsam der Elfen wird auf zwei Ebenen eingeführt, denke ich – einerseits als magisches Gesetz, andererseits als internalisierte Servilität.
Im zweiten Band widersetzt sich Dobby ja den Regeln, die für Hauselfen gelten, und muss sich dafür immer bestrafen. Ich schätze, dass er durch Magie dazu gezwungen wird – also ja, mechanisch. Aber ein Mechanismus, dem er zwangsweise unterworfen wird, nicht ein allen Elfen inhärenter Mechanismus. Meine ich zumindest, und möglicherweise ist das in den Büchern auch nicht sehr deutlich gemacht.

Schöne Grüße,
Der Flammifer

Aiya Ëarendil elenïon ancalima, or Endórë leltana Quendin ar Atanin!
Aiya Ëarendil calë nó Anar Iþilyëo colindo! Elen mornïessë, mírë andúnessë, silmarillëa auressë!
Aiya Morinehtar, Eruhínïon alcarë!

· ~ • ~ · ~ • ~ · ~ × ~ · ~ • ~ · ~ • ~ ·
Träger des Falkenaugen-Ordens
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sphnix

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Money Money Money [Re: sphnix]

Das Harry-Potter-Universum ist nicht gut durchdacht, es geht an keiner Stelle auf, und der Leser kann sehr leicht den überaus begründeten Verdacht entwickeln, dass diese Welt im Kopf der Autorin kaum "weiter" ausgeführter ist als es eben im Text steht. Das Verhältnis von Zaubererwelt und Muggelwelt ist in puncto Kultur, Religion/Ideologie, Politik und Ökonomie vollkommen lückenhaft und ahistorisch geschildert: Man erfährt fast nichts darüber, wie es sich entwickelt hat, und noch weniger erfährt man über das Gewordensein des In-der-Welt-Seins, der Weltanschauung des Zauberers von heute. Ich bin sicher, dass Rowling das auch nicht entwickelt und ausgearbeitet hat, stattdessen arbeitet sie mit Versatzstücken von Menschlich-Heutigem und scheinbar eh "Selbstverständlichem". Was dabei herauskommt ist zu großen Teilen vollkommener Schwachfug - wie hier am Beispiel der Ökonomie zu zeigen ist:
Die Zaubererwelt verfügt über Geld und Banken, also über eine moderne Wirtschaft. Zauberer haben selbstverständlich Berufe. Gesellschaftlicher Status in der Zauberersphäre bemisst sich nicht nur nach Familienadel, sondern auch nach Einkommen. Ron, der aus einer armen Familie kommt, kann sich verschiedenes nicht leisten und hat deswegen Minderwertigkeitskomplexe. Reiche Zauberer wie die Malfoys bewohnen große, luxuriöse Häuser, arme Familien wie die Weaslys den Fuchsbau.
Das alles kommt einem deshalb nicht seltsam vor, weil es der Logik des eigenen Muggeldaseins entspricht - es ist aber letztlich in einer Welt der Zauberer völlig absurd. Denn, Gamps Gesetz (http://de.harry-potter.wikia.com/wiki/Gamps_Gesetz_der_elementaren_Transfiguration) her oder hin - die Grundlage allen Wirtschaftens, die Chimäre des ewigen Mangels, kann in der Zaubererwelt logisch nicht existieren. Wie Hermines Manipulation der DA-Münze im 6. band beweist, ist nicht einmal das Geld fälschungssicher, und Gold etc. können mit verschiedenen Zaubern vermehrt werden. Ein Material, das vor der uferlosen Vermehrung sicher ist, existiert nicht; auch Lebensmittel können ja (die ohnehin sehr konstruierte Gamp-Regel hin oder her) zwar nicht aus dem Nicht herbeigezaubert, wohl aber vermehrt werden. In noch größerem Maße gilt dies für anderen Kram, der nach Belieben verwandelt werden kann (bereits im ersten Band lernen Schüler es, Verwandlungen durchzuführen), herbeigezaubert werden kann (Accio!), gepimpt werden kann.
Mr. Weasly schafft es, in seiner Freizeit einen Ford Anglia zu manipulieren und benutzt im 4. Band ein Zelt, das außen klein und innen groß ist - und haust im "zu engen", popeligen "Fuchsbau"? Das ist vollkommen widersinnig, genauso wie das Statusdenken in Einkommensklassen für eine Zaubererwelt überhaupt, innerhalb derer nur und ausschließlich der magische oder vielleicht noch traditionsverbundene Wert eines Gegenstandes für seinen (und seines Besitzers) Status relevant sein dürfte. Die kapitalistische Produktions- und Bezahlungslogik ergibt, transportiert ins Magische, nur parodistischen Mehrwert, aber die Bücher sind auf eine stabile Welt jenseits des Parodistischen angewiesen, um funktionieren zu können. Der bürgerliche, berufstätige Zauberer ist eine Idiotie - aber eine bezeichnende, weil sich an ihr zeigt, wie stark die Autorin an einer eingefrorenen, von ihren historischen Ursachen abgeschnittenen "Ewiggültigkeit" des Status Quo klebt.


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sphnix

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Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Der Flammifer]

Der Flammifer schrieb:

Der Gehorsam der Elfen wird auf zwei Ebenen eingeführt, denke ich – einerseits als magisches Gesetz, andererseits als internalisierte Servilität.
Im zweiten Band widersetzt sich Dobby ja den Regeln, die für Hauselfen gelten, und muss sich dafür immer bestrafen. Ich schätze, dass er durch Magie dazu gezwungen wird – also ja, mechanisch. Aber ein Mechanismus, dem er zwangsweise unterworfen wird, nicht ein allen Elfen inhärenter Mechanismus. Meine ich zumindest, und möglicherweise ist das in den Büchern auch nicht sehr deutlich gemacht.



Die Zweigleisigkeit zwischen internalisierter (potenziell durch den Einzelnen auflösbarer) Servilität und mechanisch-magischem Gesetz sehe ich auch. Ich glaube nur nicht, dass das innerhalb der Bücher auflösbar oder gut dargestellt ist, unter anderem deswegen nicht, weil wir nicht erfahren, wie eine solche Hauselfensozialisation ausschaut, von der die "äußere" Gesetzmäßigkeit ausgeht usw. (Auch die Elfen in Hogwarts funktionieren ja nach Elfenlogik, obwohl Dumbledore sie anscheinend nicht dazu nötigt)


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Amata

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Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: sphnix]

sphinx schrieb:

1. Der karrieristische und "standesmäßige" Dünkel der Malfoys ist böse - Mrs. Weasly, die als durchgehend positive Figur gezeichnet ist, ist stolz auf die schulischen Leistungen ihrer Söhne, hält diese zu leistungsorientiertem systemkonformem Verhalten an. In Band 6., als allen das Wasser schon längst bis zum Hals steht, freut sie sich stolz über die Beförderung ihres Mannes.



Hier sehe ich die Problematik nicht genau. Also schon insofern, als dass letztlich alles nach dem von dir schon öfters kritisierten System abläuft, jeder will/soll der Beste sein, aber ich kann durchaus einen Unterschied zwischen einem Bestreben danach, in Schule oder Beruf besser zu sein und einem Standesdünkel der Malfoys sehen. Weshalb diese ja als "böse" gelten, ist ja, dass sie sich aus ihrer Reinblütigkeit so viel machen.

"It's all in Hogwarts: A History."
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Amata

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: sphnix]

So, jetzt habe ich auch kurz Zeit, auf die anderen von Sphinx angesprochenen Punkte einzugehen.

sphinx schrieb:

2. Zauberer-Rassismus gilt als böse; als Slughorn sich erstaunt darüber zeigt, dass die muggelstämmige Pottermami so brilliant war, ist dies in Harrys Augen ein übler Verstoß gegen Moral und Anstand. Man muss das als Kritik an einem Denken verstehen, dass den Menschen nach seiner Herkunft beurteilt und Charakter und Begabungen als erblich setzt - im selben Band spricht Dumbledore nach dem ersten Ausflug in die Geschichte Voldemorts von der sich über die Generationen hin steigernden, durch innerfamiliäre Eheschließungen steigernden Verderbtheit der Gaunts: Hier ist Familie Schicksal, und zumindest suggestiv hat man es mit der Genetik des Bösen zu tun.


Ich bin der Meinung, dass JKR davon ausgeht (wie ich es übrigens auch tue), dass ein Charakter sich gewissermaßen aus dem, was ein Mensch in seinem Leben erlebt und quasi erebten Eigenschaften zusammensetzt. Wie groß welcher Anteil letztlich ist, ist selbstverständlich schwer zu sagen, aber mir fällt es schwer, sich ein Neugeborenes wie ein weißes Blatt Papier vorzustellen.

Dass der Hang zu Macht in der Familie der Gaunts immer stärker und auch verrückt geworden ist, stellt damit meiner Meinung nach keinen Widerspruch dazu da, dass irgendwelche Begabungen und Charkterzüge mit Vorhandensein von Magie bei den Vorfahren unabhängig sind.
Und ich könnte mir auch gleichzeitig vorstellen, dass sich unter bestimmten Umständen Voldemorts Hang zur Macht anderes entwickelt hätte, und er eventuell nicht der "Dunkle Lord" geworden wäre, als den wir ihn kennen.

Und selbst wenn wir von einem Konzept der vollständig ererbten Eigenschaften ausgehen: Letztlich sollen die Menschen in HP aufgrund ihrer Taten und Entscheidungen beurteilt werden, und nichts sonst. Ich bezweifle, dass sich Dumbledore anders zu Tom Riddle verhalten hätte, hätte er damals schon genauestens über seine Herkunft Bescheid gewusst.

sphinx schrieb:
Der Flammifer schrieb:

Der Gehorsam der Elfen wird auf zwei Ebenen eingeführt, denke ich – einerseits als magisches Gesetz, andererseits als internalisierte Servilität.
Im zweiten Band widersetzt sich Dobby ja den Regeln, die für Hauselfen gelten, und muss sich dafür immer bestrafen. Ich schätze, dass er durch Magie dazu gezwungen wird – also ja, mechanisch. Aber ein Mechanismus, dem er zwangsweise unterworfen wird, nicht ein allen Elfen inhärenter Mechanismus. Meine ich zumindest, und möglicherweise ist das in den Büchern auch nicht sehr deutlich gemacht.



Die Zweigleisigkeit zwischen internalisierter (potenziell durch den Einzelnen auflösbarer) Servilität und mechanisch-magischem Gesetz sehe ich auch. Ich glaube nur nicht, dass das innerhalb der Bücher auflösbar oder gut dargestellt ist, unter anderem deswegen nicht, weil wir nicht erfahren, wie eine solche Hauselfensozialisation ausschaut, von der die "äußere" Gesetzmäßigkeit ausgeht usw. (Auch die Elfen in Hogwarts funktionieren ja nach Elfenlogik, obwohl Dumbledore sie anscheinend nicht dazu nötigt)



Was meinst du genau mit deiner Antwort auf Flammifer? Dass bei der Dienstbarkeit der Hauselfen zwei Punkte hineinspielen, habe ich immer so gesehen, und ich weiß nicht, was du daran anders dargestellt haben möchtest. Es wird für mich den ganzen zweiten Band sehr deutlich, wenn Dobby, der ja selbst etwas anderes will (Harry warnen) durch die magische Gesetzmäßigkeit gezwungen ist, sich selbst zu bestrafen.
Was mit den Hauselfen in Hogwarts nicht stimmen soll, weiß ich auch nicht. Dumbledore behandelt sie gut, sie sehen deshalb keinerlei Gründe zu Rebellionen wie Dobby sie sah, und sind stolz darauf, Dumbledore dienen zu dürfen. Dass sie da mit Hermines BELFER nichts zu tun haben wollen, ist doch klar.

sphinx schrieb:
Das Harry-Potter-Universum ist nicht gut durchdacht, es geht an keiner Stelle auf, und der Leser kann sehr leicht den überaus begründeten Verdacht entwickeln, dass diese Welt im Kopf der Autorin kaum "weiter" ausgeführter ist als es eben im Text steht. Das Verhältnis von Zaubererwelt und Muggelwelt ist in puncto Kultur, Religion/Ideologie, Politik und Ökonomie vollkommen lückenhaft und ahistorisch geschildert: Man erfährt fast nichts darüber, wie es sich entwickelt hat, und noch weniger erfährt man über das Gewordensein des In-der-Welt-Seins, der Weltanschauung des Zauberers von heute. Ich bin sicher, dass Rowling das auch nicht entwickelt und ausgearbeitet hat, stattdessen arbeitet sie mit Versatzstücken von Menschlich-Heutigem und scheinbar eh "Selbstverständlichem". Was dabei herauskommt ist zu großen Teilen vollkommener Schwachfug - wie hier am Beispiel der Ökonomie zu zeigen ist:
Die Zaubererwelt verfügt über Geld und Banken, also über eine moderne Wirtschaft. Zauberer haben selbstverständlich Berufe. Gesellschaftlicher Status in der Zauberersphäre bemisst sich nicht nur nach Familienadel, sondern auch nach Einkommen. Ron, der aus einer armen Familie kommt, kann sich verschiedenes nicht leisten und hat deswegen Minderwertigkeitskomplexe. Reiche Zauberer wie die Malfoys bewohnen große, luxuriöse Häuser, arme Familien wie die Weaslys den Fuchsbau.
Das alles kommt einem deshalb nicht seltsam vor, weil es der Logik des eigenen Muggeldaseins entspricht - es ist aber letztlich in einer Welt der Zauberer völlig absurd. Denn, Gamps Gesetz (http://de.harry-potter.wikia.com/wiki/Gamps_Gesetz_der_elementaren_Transfiguration) her oder hin - die Grundlage allen Wirtschaftens, die Chimäre des ewigen Mangels, kann in der Zaubererwelt logisch nicht existieren. Wie Hermines Manipulation der DA-Münze im 6. band beweist, ist nicht einmal das Geld fälschungssicher, und Gold etc. können mit verschiedenen Zaubern vermehrt werden. Ein Material, das vor der uferlosen Vermehrung sicher ist, existiert nicht; auch Lebensmittel können ja (die ohnehin sehr konstruierte Gamp-Regel hin oder her) zwar nicht aus dem Nicht herbeigezaubert, wohl aber vermehrt werden. In noch größerem Maße gilt dies für anderen Kram, der nach Belieben verwandelt werden kann (bereits im ersten Band lernen Schüler es, Verwandlungen durchzuführen), herbeigezaubert werden kann (Accio!), gepimpt werden kann.
Mr. Weasly schafft es, in seiner Freizeit einen Ford Anglia zu manipulieren und benutzt im 4. Band ein Zelt, das außen klein und innen groß ist - und haust im "zu engen", popeligen "Fuchsbau"? Das ist vollkommen widersinnig, genauso wie das Statusdenken in Einkommensklassen für eine Zaubererwelt überhaupt, innerhalb derer nur und ausschließlich der magische oder vielleicht noch traditionsverbundene Wert eines Gegenstandes für seinen (und seines Besitzers) Status relevant sein dürfte. Die kapitalistische Produktions- und Bezahlungslogik ergibt, transportiert ins Magische, nur parodistischen Mehrwert, aber die Bücher sind auf eine stabile Welt jenseits des Parodistischen angewiesen, um funktionieren zu können. Der bürgerliche, berufstätige Zauberer ist eine Idiotie - aber eine bezeichnende, weil sich an ihr zeigt, wie stark die Autorin an einer eingefrorenen, von ihren historischen Ursachen abgeschnittenen "Ewiggültigkeit" des Status Quo klebt.



Dass keine Widersprüchlichkeiten in Rowlings Welt bestehen, würde ich niemals behaupten. Siehe dazu auch hier.

Zu deinem Problem mit der Ökonomie trotzdem ein paar Gedanken: Dass Geld keine Ausnahme von Gamp darstellt, halte ich für nicht belegt. Die Galleonen von Hermine sind Fälschungen, und ich bin mir sicher, jeder Kobold kann den Unterschied erkennen, auch dann wenn sie die Seriennummer nicht verzaubert hätte (ähnlich Godrics Schwert)

Ich denke, dass das Heraufbeschwören von Gegenständen ja ohnehin nicht einfach ist und dabei umso mehr je komplizierter die Beschaffenheit des Beschworenen ist. Ein Buch könnte man demnach nur soweit beschwören, wie man es kennt, also zum Beispiel ein dickes Buch mit Cover, aber der Inhalt ist leer.

Problematisch bleib aber trotzdem, dass nicht zumindest Umhänge herbeigezaubert werden. Auch gilt das für den Ausdehnungszauber, den Mr Weasley an seinem Auto offenkundig beherrscht.

Da Rowing aber wohl kein Buch über den Kapitalismus schreiben wollte, gehe ich davon aus, dass hätte sie die Problematik bemerkt, sich entweder extrem konstruierte Erklärungen (mal wieder) ausgedacht hätte oder das Beschwören aus Nichts abgeschafft hätte. Die Zaubererwelt soll, so faszinierend anders sie auf den ersten Blick ist, unserer Welt ähnlich sein und die gleichen Sorgen, Ängste, Probleme und Nöte treten dort auch auf: Armut genauso wie Rassismus, und auch Prüfungsangst und Liebeskummer.

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muemel

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Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Amata]

Das mit den Gaunts sehe ich jetzt nicht als so wahnsinnig problematisch. Wenn Zauberer-DNA nicht grundlegend anders "funktioniert" als die von Muggeln, ergeben sich durch generationenlangen Inzest nunmal allerlei Mutationen und Degenerationen. Unabhängig davon sehe ich die Verderbtheit der Gaunts in derselben Ideologie begründet, die auch die Malfoys an den Tag legen. Dadurch, dass Merope(?) als durchaus nicht "böser" Charakter dargestellt wird, sehe ich die Herkunft einer Person jedoch nicht als determinierend dargestellt, sei es nun genetisch oder sozial. Obwohl diese Geschichte natürlich platt und archetypisch ist.

Mein größtes Problem mit der Reihe ist der grundlegende Sexismus. Mit Ausnahme von Tonks sind wir quasi ausschließlich von bürgerlich-akzeptablen Weibchen umgeben. Seien sie nun Hausfrauen (die aber natürlich ganz doll fähig sind, sobald es gegen ihre Kinder geht), ledige Lehrerinnen (alt und gestreng selbstverständlich) oder "erste Untersekretärin des Ministers". Bellatrix ist ein bisschen ein Sonderfall, aber auch sie ist unglaublich devot (die devoteste von allen Todessern meiner Wahrnehmung nach) und außerdem so offensichtlich durchgeknallt und wahnsinnig, dass wir sie eher als abschreckendes Beispiel verbuchen müssen. Fleur ist eine unglaublich fähige Hexe, sonst wäre sie nicht im 4. Band Schulchampion geworden. Und was macht sie nach der Schule? Teilzeit bei Gringotts arbeiten, um "ihr Englisch zu verbessern" und dann, soweit wir wissen, Hausfrau. Hogwarts hat zwar zwei weibliche Gründer, aber natürlich sind ihre Häuser die unbedeutenden. Hermine ist zwar ziemlich cool, aber selbstverständlich ist sie die Streberin der Gruppe, diejenige, die sich am ehesten regelkonform verhält. Und so weiter. (Es kommen zwar am Rande einige weitere weibliche Charaktere vor, über die wissen wir aber schlicht gar nichts)
In einer Welt, in der es nie auf körperliche Leistungsfähigkeit angekommen ist, ist es imo hochgradig unwahrscheinlich, dass sich Geschlechterstereotype in genau dieser Art und Weise herausbilden sollten. Ich denke, an dieser Stelle hat Rowling ebensowenig weitergedacht wie an der von Sphinx angesprochenen "bürgerliches-Wirtschaftssystem"-Front. Hängt ja auch grundlegend damit zusammen.

Was ich ebenfalls auffällig (und ekelhaft) finde: selbstverständlich ist Bellatrix kinderlos. Eine Mutter könnte nie so sein, wie Bellatrix ist. Mutterliebe ist schließlich auch das einzige Mittel, was gegen Voldemort hilft.

Als ich deinen Text, Sphinx, gelesen hab, ist mir aufgefallen, dass im Wirtschaftssystem-Punkt sogar Eragon (das elfische Gesellschaftssystem) besser ausgearbeitet und durchdacht ist als Harry Potter. Und das will schon was heißen

Das Meer ist in vielerlei Hinsicht nur eine nassere Art von Luft
(Terry Pratchett)
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Amata

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: muemel]

muemel schrieb:
Hogwarts hat zwar zwei weibliche Gründer, aber natürlich sind ihre Häuser die unbedeutenden.


Ey! Go, Ravenclaw!
(Auf den Rest werde ich heute Nachmittag oder Abend noch eingehen)

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Caddy

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: muemel]

Inwiefern siehst Du Tonks da als Ausnahme?

Look at the octopus. Look into his great inhuman eyes.
~ William S. Burroughs, »Octopus«

Aber nein, das tut Caddy nicht. Natürlich tut Caddy das nicht.
~ William Faulkner, Schall und Wahn
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