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Pyr

Gefährte

What am I looking at? [Re: Keligone]

Ich habe gestern zum ersten Mal "Casablanca" [die ungeschnittene Fassung, siehe unten] gesehen, um meine diesbezügliche Bildungslücke zu schließen.
Um das Fazit gleich vorweg zu nehmen: Dieser Film ist der "Wilhelm Tell" der Moderne - schwülstig, kitschig, pathetisch, von jemandem entworfen, der dem Schauplatz der Handlung nie nahegekommen ist, und die Quelle so vieler Zitate, die unlängst in den Bestand des allgemeinen Kulturgutes eringewandert sind, dass man ihren Ursprung nicht einmal mehr zu kennen braucht.
Und natürlich ein Machwerk bürgerlicher Ideologie. Dazu seien nur zwei Themen herausgegriffen.

Das erste ist der zur Kenntlichkeit stilisierte Sexismus, der sich nicht nur in Blondinen äußert, die an die Schulter eines 16 Jahre älteren Bogart sinken und dabei "Ich kann nicht mehr. Du musst jetzt für uns beide denken." sagen. Darüber kann man sich heute (ungerechtfertigter Weise) erhaben fühlen. Genauso schlimm, und damit nicht zufällig verbunden, ist die absolute Leere dieser "Liebesbeziehung", die aus nichts anderem als inhaltslosen "Momenten an sich" besteht, welche sich allesamt dem Zauber hohlster Phrasen und Klischees verdanken, wie sie auch damals schon die Parfum-Reklane gedroschen haben dürfte. "Es ist, was es ist, sagt die Liebe" - und es ist nichts, außer die Xte Iteration der gesellschaftlichen Formen, in denen der Mann eben der Mann und die Frau die Frau ist, die eben beide ihren ganz eigenen Charme haben. Es bedarf wahrlich aller industriellen Zauberformeln*, um der banalsten Tautologie den Anschein des Außergewöhnlichen und Heroischen zu geben. Nur ist larger than life als Multiplikation von Null... immer noch Null.

Das zweite ist die ebenso unkonkrete, inhaltsleere Inszenierung dessen, was dem eigenen Anspruch nach der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sein sollen. Man mag hierbei einwenden, dass die große räumliche Ferne und die große zeitliche Nähe zu den Ereignissen selbstverständlich dazu beitragen, dass man eben (noch) nicht über alles Bescheid wissen und angemessen darstellen konnte. Das stimmt, aber es erklärt und entschuldigt nicht die Tatsache, dass die Handlung einem Schema folgt, welches aus einem Theaterstück eines schlechten Schillerepigonen stammen könnte - und ohne Probleme auch in dessen Epoche transponierbar wäre. Die bis 1975 in Deutschland gespielte Fassung belegt das. Was der Nationalsozialismus war, was Schleuser waren und sind, welche mit der Not von Flüchtenden Geschäfte machen, daraus macht "Casablanca" eine Typenkomödie, die in einer Hotelbar spielt, wo charmante Kleingauner und Dorfpolizisten herzenswarm bei Cocktails und Zigarren ein paar gemütliche Intrigen spinnen und sich gegenseitig übertölpeln. Und dass der gordische Knoten des Ganzen darin bestehen soll, dass Ilsa Rick nicht sagen konnte, dass ihr totgeglaubter Ehemann wider Erwarten doch noch lebt, was sie in Paris ohne Preisgeben irgendwelcher Widerstandsgeheimnisse in ihrem Brief hätte tun können... : An dieser Konstruktion sind die Stellen, an denen nicht zusammenpassende Hölzer verleimt wurden, lächerlich offensichtlich.

    *
    In Bezug auf:
    Für die Großaufnahmen von Ingrid Bergman verwendete Edeson einen speziellen Gaze-Filter, der ihr Gesicht weich, „traurig, sanft und nostalgisch“ erscheinen lassen sollte. Durch eine gezielte Beleuchtung erhielten ihre Augen zusätzlichen Glanz. Bergman wurde meist von ihrer linken Seite aufgenommen, die sie für ihre bessere hielt. Daher befindet sie sich häufig auf der rechten Seite des Bildes
    [...]
    Um den Größenunterschied zwischen Ingrid Bergman und dem fünf Zentimeter kleineren Humphrey Bogart auszugleichen, stellte der Regisseur in vielen Szenen Bogart auf eine Kiste oder setzte ihn in Sitzszenen auf Kissen.



------------------

Soweit zum Film selbst. Grotesker wird es, wenn man sich den Wikipedia-Artikel dazu durchliest:

In Bezug auf:
Der zuständige Drehbuchlektor Stephen Karnot bezeichnete es als „anspruchsvollen Kitsch“ und prognostizierte dem Stoff ein großes Erfolgspotential.



Hier zumindest hat der Teufel vorerst noch weiter nichts zu sagen.

In Bezug auf:
Einige Stellen des Skripts wurden von der Hays-Zensurbehörde beanstandet. Louis’ Bemerkung „You enjoy war. I enjoy women“ wurde in „You like war. I like women“ geändert. Die Zeile „Sometimes they [women] might be rationed“ ersetzte man durch „Sometimes they might be scarce“.[8] Ein großer Streitpunkt war die Affäre zwischen Rick und Ilsa in Paris, da Ilsa zu diesem Zeitpunkt bereits mit Victor verheiratet war. Da sie jedoch davon ausging, er sei in einem Konzentrationslager gestorben, wurden die entsprechenden Szenen letztendlich doch genehmigt.



Auch hier enthalte ich mich weiterer Kommentare.

In Bezug auf:
Um die Vermarktung des Films in anderen Ländern nicht zu beeinträchtigen, bestand die Produktionsfirma darauf, dass alle unsympathischen Figuren verfeindeten Nationen angehören mussten. Daher sind Ferrari, Ugarte und der Taschendieb italienischer Herkunft.



OK, ich höre ja schon auf!

In Bezug auf:
Howard Koch versuchte den Erfolg damit zu erklären, dass das Publikum den Film gebraucht habe. Da ging es um Werte, für die es sich lohnt, Opfer zu bringen. Und diese Botschaft wurde auf sehr unterhaltsame Weise vermittelt.
Murray Burnett, der Autor der Theatervorlage, bezeichnete Casablanca als „true yesterday, true today, true tomorrow“.



Dazu habe ich das meiste schon gesagt; dass ein Szenario aus der Zeit gefallen, abstrakt und unhistorisch ist, wird in der bürgerlichen Ästhetik ohnehin gerne als "zeitlos" gefeiert.

In Bezug auf:
In der Bundesrepublik, deutsche Synchronisation

Als Casablanca am 29. August 1952 in die deutschen Kinos kam, enthielt der Film kaum noch Hinweise auf den Zweiten Weltkrieg. Alle Szenen mit Major Strasser und anderen Nazis waren herausgeschnitten worden. Auch die Szene, als die Deutschen Die Wacht am Rhein anstimmen und von französischen Patrioten mit der Marseillaise niedergesungen werden, fehlte. Victor László wurde zu Victor Larsen, einem norwegischen Atomphysiker, der die rätselhaften Delta-Strahlen entdeckt hat. Capitaine Renault wurde in Monsieur Laporte umbenannt und war nun ein Mitglied der Interpol.

Casablanca
war in dieser um 25 Minuten gekürzten Version eher eine harmlose Romanze als ein Propagandafilm gegen die Nationalsozialisten und das Vichy-Regime. Erst am 5. Oktober 1975 strahlte die ARD die ungekürzte und neu synchronisierte Fassung aus, die bis heute bekannt ist.



Zugegeben, das sagt eigentlich mehr als jeder Verriss, oder müsste es sagen. Offensichtlich hat sich dafür aber kein Zuhörer gefunden.

In Bezug auf:
Quellen wie Norbert F. Pötzl legen nahe, dass Casablanca ein Propagandafilm sei. [...] Um die Abneigung der Hälfte der Amerikaner gegen Juden zu umgehen, würde die Herkunft der meisten Flüchtlinge nie erwähnt: Das Wort Juden komme im Film nicht vor.



In Bezug auf:
Zwischen den verschiedensprachigen Fassungen des Films existieren teilweise gravierende Unterschiede: In der spanischen Version, die während der Franco-Ära entstand, wurden alle Hinweise auf Ricks Einsatz für die Sozialisten im Spanischen Bürgerkrieg herausgeschnitten. Im Original erwähnt Renault in einer Szene, Rick habe in den 1930er Jahren Waffen nach Äthiopien geschmuggelt (eine Anspielung auf den Italienisch-Äthiopischen Krieg von 1935). In der italienischen Übersetzung ist an dieser Stelle von China die Rede. Die größten Eingriffe nahm man jedoch in Deutschland vor.



Hier muss ich doch wieder mephistophelisch schweigen.

In Bezug auf:
Eine bekannte Szene ist der Gesangskrieg: In der Szene stimmt Major Strasser am Klavier in Ricks Bar Die Wacht am Rhein an. Die Deutschen werden jedoch von allen anderen Gästen in der Bar übertönt, die nach Initiative von László aufstehen und die von Corinna Mura angestimmte und vom Orchester auf Ricks Wink hin unterstützte republikanische Marseillaise singen. Die Deutschen treten ab. Ursprünglich wollte Warner das Horst-Wessel-Lied als deutsches Nazi-Lied singen lassen. Doch die Urheberrechte lagen bei einer deutschen Gesellschaft und die Produzenten befürchteten darin eine mögliche Handhabe im internationalen Filmverleih.



Spätestens hier ist eigentlich irres Kichern die einzig angebrachte Reaktion.

In Bezug auf:
Fortsetzungen und andere Versionen

Bereits kurz nach der Veröffentlichung Casablancas begann man bei Warner Bros, über eine Fortsetzung nachzudenken. Ein geplanter zweiter Teil mit dem Titel Brazzaville (in Bezug auf die französisch-kongolesische Stadt, die in der letzten Szene erwähnt wird) wurde aber nie gedreht.

Am 26. April 1943 sendete eine amerikanische Rundfunkstation ein Hörspiel, in dem Bogart, Bergman und Henreid ihre Rollen ein weiteres Mal übernahmen. Im Januar 1944 wurde eine zweite Radioadaption des Films ausgestrahlt, diesmal mit Alan Ladd, Hedy Lamarr und John Loder in den Hauptrollen.

Die Pläne des Drehbuchautors Julius Epstein, ein Casablanca-Musical zu produzieren, wurden nicht in die Tat umgesetzt. Das Theaterstück Everybody Comes To Rick’s, das dem Film als Vorlage gedient hatte, feierte seine Premiere 1946 in Newport. Im April 1991 wurde es in London erneut auf die Bühne gebracht, aber nach nur einem Monat wieder abgesetzt.

Im Jahr 1955 produzierten Warner Bros. und der Sender ABC eine Fernsehserie, die auf Casablanca basierte und die Vorgeschichte des Films behandelte. Charles McGraw übernahm die Rolle des Rick, Marcel Dalio, der auch im Original mitgewirkt hatte, spielte Captain Renault. 1983 lief auf NBC eine weitere kurzlebige Serie mit David Soul als Rick, Hector Elizondo als Renault und Scatman Crothers als Sam. Sie war zeitlich ebenfalls vor dem Film angesiedelt.

Der französische Regisseur François Truffaut erhielt 1974 das Angebot, eine Neuverfilmung zu drehen, was er jedoch ablehnte.

David Thomson, britischer Filmkritiker, veröffentlichte 1985 den Roman Suspects. 1998 erschien As Time Goes By von Michael Walsh. Beide Bücher stellen eine literarische Fortsetzung der Geschichte von Casablanca dar. In den 1980er Jahren entstand eine kolorierte Version des Films, die erstmals 1988 im australischen Fernsehen gezeigt wurde. Der Brasilianer Joao Luiz Albuquerque fertigte 1987 eine neue Schnittfassung des Originals an, in der sich Ilsa am Ende für Rick entscheidet. Diese Version wurde beim Rio Film Festival gezeigt.

[...]

Ferner gibt es auch eine Comic-Adaption von Giorgio Cavazzano mit Micky Maus, Minni Maus, Goofy, Kater Karlo, Kommissar Hunter und anderen bekannten Figuren in den Hauptrollen. 1987 entstanden, wurde sie in Deutschland erst 2007 im Rahmen der LTB-Edition 40 JAHRE LTB unter dem Titel Cusubluncu veröffentlicht.





I think this is the beginning of a beautiful franchise.



Gommorah is a nursery rhyme
you won't find in the book.
It's written on your city's face,
just stop and take a look.

(Sixto Rodriguez)


In ihrem Schweigen gegen die Erlebnisberichte der Individuen wird die Totalität das letzte Wort behalten.

Geändert durch Pyr (15.03.2020 16:49)

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sphnix

Gefährte

Re: What am I looking at? [Re: Pyr]

Pyr schrieb:

Um das Fazit gleich vorweg zu nehmen: Dieser Film ist der "Wilhelm Tell" der Moderne




Bin noch nicht durch, aber dem kann man jedenfalls schon mal nicht widersprechen

Man liest nie mit dem Herzen gut.

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sphnix

Gefährte

Re: What am I looking at? [Re: Pyr]

Pyr schrieb:
[...
]"Wilhelm Tell" der Moderne
[...]
absolute Leere dieser "Liebesbeziehung"

unkonkrete, inhaltsleere Inszenierung dessen, was dem eigenen Anspruch nach der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sein sollen
[...]

In Bezug auf:
Quellen wie Norbert F. Pötzl legen nahe, dass Casablanca ein Propagandafilm sei. [...] Um die Abneigung der Hälfte der Amerikaner gegen Juden zu umgehen, würde die Herkunft der meisten Flüchtlinge nie erwähnt: Das Wort Juden komme im Film nicht vor.



(wikipedia)


[...]




Ich zitiere hier mal die Kürzestfassung, für sehr Eilige; denn die sollen ja nicht um alles kommen.

Man liest nie mit dem Herzen gut.

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Geändert durch sphnix (22.03.2020 21:17)

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sphnix

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Re: What am I looking at? [Re: sphnix]

Heute hab ich geträumt, Pyr hätte ein Seminar bei Adorno. Ich wohl erst auch, aber ich bin irgendwie daran gescheitert, etwas vorzulesen. Und dann musste ich irgnedwelchen Kram tun (wars Wäsche waschen? ) --- leider alles nicht mehr ganz klar.

Man liest nie mit dem Herzen gut.

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Geändert durch sphnix (06.04.2020 10:34)

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Pyr

Gefährte

Re: What am I looking at? [Re: sphnix]

sphnix schrieb:
Heute hab ich geträumt, Pyr hätte ein Seminar bei Adorno. Ich wohl erst auch, aber ich bin irgendwie daran gescheitert, etwas vorzulesen. Und dann musste ich irgnedwelchen Kram tun (wars Wäsche waschen? ) --- leider alles nicht mehr ganz klar.



Maaap! Wie heteronorm!

Gommorah is a nursery rhyme
you won't find in the book.
It's written on your city's face,
just stop and take a look.

(Sixto Rodriguez)


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sphnix

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Re: What am I looking at? [Re: Pyr]

Was kann ich denn dafür! Hättest du halt die Wäsche gewaschen!

Man liest nie mit dem Herzen gut.

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