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Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Faust II. Eine verteufelte Sache.

sphnix

Gefährte

Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: Hisimir]

2. Szene: Auf dem Vorgebirge

Dieser Akt beschäftigt sich mit der Schlacht Kaiser-Gegenkaiser, an deren Ende Faust sein Ufer-Lehen erhält. In das Kapitel ist, sagt mein Kommentar, ziemlich viel Militärtheorie eingearbeitet. Das interessiert mich nun nicht en Detail; ich zitiere also lediglich einen wichtigen Punkt, den der Kommentar ebenfalls erwähnt:
"Folgen die Truppen des Gegenkaisers Guibert [...] der eine moderne Kriegskunst [...] heraufführte, so hält sich das Kaiserheer an Carl von Österreich [...] der eine vergleichsweise konventionelle, ja rückschrittliche Kriegsführung vertrat [...]. Das scheint den Grundcharakter des in der folgenden Restaurations-Szene dargestellten Kaiserreichs vorzubereiten [...] ein marodes und [...] anachronistisches Staatsgebilde." (K S. 675)

Interessanter scheint mir der mit Faust/Mephisto eintretende Diskurswechsel: Zunächst bespricht der Kaiser mit Obergeneral und Kundschaftern seine Lage und zeigt Sportsgeist in puncto Krieg; dann aber, mit Faust & Mephisto, kommt wieder höllische Magie, die vor dem Kaiser halb verschleiert werden muss. Der dem Kaiser zu Dankbarkeit verpflichtete "Negromant (= Schwarzkünstler) von Norcia", den Faust als seinen Auftraggeber ausgibt, dient laut Kommentar dazu, zu verschleiern, das hier die Hilfe eigentlich vom Teufel kommt.

Nachdem der Kaiser dem Obergeneral das Kommando übergeben hat (in gewisser Weise wieder ein retardierendes Moment, nachdem er sich vorhin ziemlich kriegslustig geäußert hat), überantwortet Faust ihm dazu die drei Kriegs-Prototypen Raufebold, Habebald und Haltefest, die, jeder nach seiner Fasson, eingesetzt werden. Ihnen folgt die Marketenderin Eilebeute. Dann wird gekämpft, und zwar, vonseiten Mephistos, nicht nur mit Waffen, sondern mit Illusionen & Zaubertricks:
Er reanimiert - und rekrutiert - zunächst alte Rüstungen: „Welch Teufelchen auch drinne steckt/ Für diesmal macht es doch Effekt.“ (F, Vers 10564) Auch dort, wo Raufebold kämpft, geschieht nicht alles „naturgemäß“, wie der Kaiser feststellt. Faust beruhigt ihn, indem er behauptet, es handle sich hier um Naturkräfte, die zugunsten des Kaisers wirksam würden, und zwar im Namen des Negromanten von Norcia, der Faust ja angeblich geschickt hat: Luftspiegelung und Elmsfeuer („Wiederschein der Dioskuren“, Vers 10600). Das günstige „Zeichen“ - der für den Kaiser stehende Adler besiegt den für den Gegenkaiser stehenden Greifen - führt Faust ebenfalls auf den Negromanten zurück. (Das sagt jedenfalls mein Kommentar; ich hätte die Stelle ja eher als Verweis auf angebliche göttliche Intervention gedeutet; aber möglicherweise ist das komplett daneben. )
Indem Mephisto auf die „Rabenpost“ zurückgreift, agiert er als Quasi-Odin auf dem Schlachtfeld - zeigt also recht offenherzig seine Teufelsnatur, denn im christlichen Kontext wird das Vorchristlich-Heidnische naturgemäß eher dem Teuflischen zugeschlagen als dem Göttlichen. Auch hier beschwichtigt Faust, indem er Tauben und Raben analogisiert: „Die Taubenpost bedient den Frieden,/ Der Krieg befielt die Rabenpost.“ (F, Vers 10677/10678) Der Obergeneral, der es mit dem Magischen nicht so hat, will angesichts solcher Geschehnisse seinen Stab und die Befehlsgewalt zurückgeben. Der Kaiser beredet ihn zwar, den Stab zu behalten, den er nicht Mephisto überantworten will; die Befehlsgewalt aber bekommt Mephisto trotzdem. Nun folgt ein weiterer Zaubertrick: Mephisto lässt die „Wasserfräulein“ „Wasserlügen“, also die Illusion von Überschwemmung, erzeugen. Die Gegner „wähnen zu ersaufen/ Indem sie frei auf festem Lande schnaufen“ (F, Vers 10738/10739) Die Zwerge werden dazu angehalten, auch noch ein bisschen irritierendes Boden-Wetterleuchten beizusteuern; und den akustischen Knalleffekt schließlich liefern die hohlen, geisterhaft in die Lüfte erhobenen und dort kämpfenden Rüstungen und Waffen. Die Schlacht wird also letztlich durch ein großes magisch-diabolisches Theater gewonnen.

3. Szene: Des Gegenkaisers Zelt, Thron

Nach meinem Kommentar ist dies das zu allerletzt verfasste Stückchen „Faust“, das Goethe geschrieben hat:
„Lebensgeschichtlich führt von hier ein mehr als sieben Jahrzehnte überspannender Bogen in Goethes Jugend zurück.
Der Staatsakt nämlich [...] ist in Alexandrinern verfasst: dem Versmaß der ersten dichterischen Fingerübungen [...].“
(K, S. 688)
Vor diesem kommen noch die nicht-alexandrinischen Plünderungen durch Habebald und Eilebeute, deren irgendwie-magischen, unheimlichen Charaktr auch die vier Trabanten spüren, die sie vertreiben. Dann aber beginnt der Kaiser mit pompösen Reden. Der Alexandriner steht im Ruf, eine gestelzte und künstliche Versform zu sein, sehr Barock und gravitätisch - man kann ihn also als Charakterisierung des ganzen Staatsaktes lesen:
„[...] immer wieder gehen diese Verse aus den Fugen [...] Ständig holpern die hohen Herren“ (K, S. 689).
Die Ämterverteilung kann gelesen werden als Wiederholung der Plünderungen auf höherer Ebene: Die Posten Erbmarschall, Erzkämmerer, Erztruchsess, Erzschenk, Erzbischof/Erzkanzler (der Erzbischof wird zum Erzkanzler ernannt, es handelt sich laut Kommentar um dieselbe Person).
Detailerklärungen zu dieser Szene: „Gift“ (Vers 10927) bedeutet hier „Geschenk“; und venezianische Gläser helfen nach mittelalterlicher Ansicht gegen Rausch (K, S. 697).
Obwohl mit hohen Würden bedacht, ist der Erzbischof/Erzkanzler nicht zufrieden und bleibt nach Abschluss der Ämterverteilung da - nicht mehr in seiner Rolle als Kanzler (der ist „gegangen“), sondern als Geistlicher. Als Geistlicher warnt er den Kaiser vor dem Bund mit satanischem Personal und droht, wenn der Papst davon erführe, würde er „sträflich richten“ (F, Vers 10985) - eine Strafe, der der Kaiser durch die Abgabe von Grund an die Kirche entgehen kann, laut Erzbischof. Und das will er schriftlich haben - „Ein förmlich Dokument der Kirche das zu eignen/ Du legst es vor, ich wills mit Freuden unterzeichnen.“ (F, Vers 11020/11021) sagt der Kaiser. Ich musste hier an Faust I denken, an den Teufelspakt - „Auch was Geschriebnes forderst du Pedant?“ hat da Faust zu Mephisto gesagt. Nimmt man das als bewusste Analogie, stellt es den scheinbar so anti-teuflisch agierenden Bischof natürlich in ein nicht ganz so günstiges Licht. Auch nach all diesen Zusicherungen gibt der Geistliche keine Ruhe, kommt zum zweiten Mal zum Kaiser zurück und beansprucht die Abgabe des Zehnten auch für das Gebiet, mit dem der „verrufne Mann“, also Faust, belehnt ist - das noch gar nicht existierende, erst dem Meer abzugewinnende Land. Auf diese sehr beiläufige und indirekte Weise erfährt der Zuschauer überhaupt erst, dass auch Faust ein Lehen erhalten hat: „Des Reiches Strand“ (F, Vers 11036), und was ihm abzuringen ist. Der Kommentar ist der Ansicht, dass der Text Fausts Lehen nicht in den Kontext der Beuteverteilung stellen möchte. Anders als die Erz-Ämter-Empfänger ist Faust nicht jemand, der quasi plündert, sondern jemand, der aus eigener Kraft etwas gewinnen möchte - dem Meer Land abgewinnen möchte. Drum, unter anderem, geht es dann im fünften Akt.

Sofern nicht noch Fragen offen sind, wäre der vierte Akt damit glücklich überstanden; und vielleicht war er ja gar nicht so schlimm.

Dann bleibt mir hier nur noch, Goethes Frühestwerk zu zitieren:


Erhabner GrosPapa!
Ein Neues Jahr erscheint,
Drum muß ich meine Pflicht und Schuldigkeit entrichten,
Die Ehrfurcht heist mich hier aus reinem Hertzen dichten,
So schlecht es aber ist, so gut ist es gemeint.
Gott, der die Zeit erneut, erneure auch Ihr Glück,
Und cröne Sie dies Jahr mit stetem Wohlergehen
Ihr Wohlseyn müsse lang so fest wie Cedern stehen,
Ihr Thun begleite stets ein günstiges Geschick;
Ihr Haus sey wie bisher des Segens Sammelplatz,
Und lasse Sie noch spät Möninens Ruder führen,
Gesundheit müsse Sie bis an Ihr Ende zieren,
Dann diese ist gewiß der allergröste Schatz.

Erhabne GrosMama!
Des Jahres erster Tag
Erweckt in meiner Brust ein zärtliches Empfinden,
Und heist mich ebenfals Sie ietzo anzubinden
Mit Versen, die vielleicht kein Kenner lesen mag;
Indessen hören Sie die schlechte Zeilen an,
Indem sie wie mein Wunsch aus wahrer Liebe fliesen
Der Segen müsse sich heut über Sie ergiesen,
Der Höchste schütze Sie, wie er bisher getan.
Er wolle Ihnen stets, was Sie sich wünschen, geben,
Und lasse Sie noch oft ein Neues Jahr erleben.


Von hier zitiert:
https://www.jgoethe.uni-muenchen.de/leben/neujahr.html




----------



Hisimir schrieb:

Sie beobachten einen Kampf zwischen Adler und Greif. Hier haben wir es sicherlich mit Heraldik bzw Vexillologie zu tun. Schließlich sind Adler und Greif zwei der häufigsten Wappentiere und stehen wohl für die beiden Kaiser. Der Kommentar vermag da sicherlich mehr zu erzählen.



Er betsätigt vor allem diese Vermutung.

In Bezug auf:

Ähm joa. War sehr interessant zu lesen, ich hoffe der Kommentar bringt einiges an Informationen zur Bedeutung von Symbolen und den ganzen mythischen Geschöpfen.



Werde nochmal schauen, ob sich da was ausgraben lässt. Du meinst die Undinen usw, nehme ich an?


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Hisimir

Gefährte

Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: sphnix]

Genau. Undinen sind ja teutsche Wasserwesen in den Flüssen, wenn ich mich nicht arg täusche.
Aber vielleicht steckt da auch noch was tieferes dahinter.

Was so alles hängenbleibt aus der Schullektüre von Undine

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sphnix

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Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: Hisimir]

Wann akten wir eigentlich fünfern?


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Hisimir

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Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: sphnix]

Bereits dieses Wochenende oder erst nächstes? Mir ist beides möglich

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sphnix

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Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: Hisimir]

Hoffen wir auf dieses & streben, so es uns möglich ist?

Keli? Wie ist's bei dir?


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Keligone

Nebelläuferin

Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: sphnix]

Dieses Wochenende ist in Ordnung.

I'm so sorry to interrupt your scrolling
but I just wanted to let you know that in all of my 900 years of travelling through space and time
I have never met anyone who wasn't important.
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sphnix

Gefährte

Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: Keligone]

Das sagst du

Aber es ist ja immer gut, wenn ihr mal anfangt --- ich werde dann mal den Umfang festlegen ...
"Offene Gegend"?
Ist zumindest nicht lang.


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Hisimir

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Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: sphnix]

Passt

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Hisimir

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Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: Hisimir]

So, nu aber:

Akt 5 Offene Gegend

Ein Wanderer besucht jene Hütte, wo er in jungen Jahren in einem Abenteuer von dem dort wohnenden Pärchen (Philemon und Baucis) gerettet wurde. Die beiden sind sehr alt, zeigen und erzählen dem Wanderer aber von Fausts Unternehmung, dem Meer das Land abzugewinnen, was ihm auch gelungen ist. So sehr es auch ein Wunder sein mag, Philemon und Baucis glauben nicht, dass es mit rechten Dingen zugang. Feuer hätte die Kanäle geschaffen und Menschenopfer den Damm.
Sie trauen auch dem "Wasserland" nicht, denn Faust, ihr neuer Nachbar hat ihnen zwar ein neues Zuhause in dem frisch gewonnen Land angeboten, sie wollen aber lieber hinter der Düne, erhöht in Sicherheit bleiben. Gegen Mephistos teufliches Werk steht hier die Gottesfürchtigkeit der alten Leute, die die Szene mit einem Gebet beenden.

Haben die Namen Philemon und Baucis literarische Vorbilder, steht hinter den beiden etwas besonderes oder sind das einfach nur zwei mehr oder weniger beliebige Namen?

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athameg

Gefährte

Re: Akt 4 - Finale. Jetzt aber. [Re: Hisimir]

Philemon und Baucis haben tatsächlich literarische Vorbilder, die stammen aus der griechischen Mythologie; ich habe jetzt gerade keine Zeit die Geschichte herauszusuchen, aber man kann es in jedem Fall bei Wikipedia nachlesen. Es gibt da wenn ich mich recht erinnere einige Parallelen zu Goethe.

Früher suchten die Hexen ihre Alraunen unterm Galgen, heute suchen sie sie im Internet. "Die Welt ist im Wandel", in der Tat.
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