Zum Inhalt springen

Passwort vergessen?

Jetzt registrieren

herr-der-ringe-film.de

Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Faust II. Eine verteufelte Sache.

Hisimir

Gefährte

Re: Akt 5, Die Uhr mag stehen, die Zeiger fallen. Es ist die Zeit für Faust vorbei. [Re: sphnix]

Etwas makaber Ostern, wo er anfangs vom Selbstmord gerettet wird, nun von Faustens Tod zu schreiben.

Großer Vorhof des Palats

Wie immer neige ich auch hier dazu, das Wort "geflickt" falsch zu lesen
Mit Lemuren sind hier nicht King Julien und co gemeint (wobei diese in ihren Herkunftsländern häufig mit Tod/dem Jenseits in Verbindung gebracht werden), sondern Geisterwesen, wenn ich mich richtig erinnere, vielleicht erläutert das der Kommentar noch genauer.

Diese Lemuren jedenfalls sollen für Mephisto schuften und ein Grab für Faust ausheben. Der wollte eigentlich einen Graben haben, eben um "den faulen Pfuhl auch abzuziehen[...]"

Die berüchtigte Stelle, die in meiner Familie so gerne falsch zitiert wird als "Ein Sumpf zieht am Gebirge hin und Ilmenau liegt mittendrin."
Tatsächlich schafft in meiner Vorstellung Faust mit seiner Landgewinnung die Niederlande bzw deren Küstenregion

Ein schöner Endmonolog von Faust, der mich von seiner grundsätzlich Art und Weise an Monologe aus der Tragödie erster Teil erinnert (Osterspaziergang, sein Monolog im hochgewölbten Zimmer etc.).

Der Kreis schließt sich zu seiner Wette mit Mephisto.
"Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!"


Für den Teufel sind jetzt die Bedingungen erfüllt, des Doktors Seele in die Hölle mitzunehmen.
Mephisto stört sich am Wörtchen vorbei.

Soll der Senf zur Grablegung heute noch mit beigemischt werden oder warten wir damit auf nächste Woche?

Ehre das Gimp!
아미
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

sphnix

Gefährte

5/ Großer Vorhof [Re: Hisimir]

5. Szene: Großer Vorhof des Palasts

Mephisto lässt die Lemuren (eher böse Toten-Widergänger; Geister Verstorbener nach altrömischer Überlieferung - Ligamente sind dem Kommentar zufolge Bindegewebe) Fausts Grab schaufeln - ein profanes Grab auf ungeweihtem Boden. Indem er den Aufseher über einen mit Werkzeugen ausgestatteten Trupp gibt, parodiert er im Grunde Fausts Landgewinnungsarbeiten; auch das Liedchen der Lemuren hat eine böshumoristische Qualität.
Faust - blind - verkennt den Spatenlärm; er nimmt an, es handle sich um seine Arbeiter, die an seinem Projekt weiterarbeiten. Mephisto benennt - ob zurecht oder zuunrecht - auch diese Mühen als nichtig (dass die Elemente mit den Teufeln zu tun haben, weiß man schon seit der Studierzimmer-Szene; dort allerdings beschreibt der Teufel sich als bislang gescheitert: „Ich wusste nicht, ihr [der Welt] beizukommen/ Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand, /Geruhigt bleibt am Ende Meer und Land!“ [F, S. 65/66]). Fest steht, dass er mit seiner Bemerkung, es werde nicht der Graben, sondern das Grab gebaut, die Tatsachen treffend beschreibt. Noch einmal befiehlt Faust Mephisto, den Fortgang der Arbeit voranzutreiben: „Ermuntre durch Genuß und Strenge,/ Bezahle, locke, presse bei!“ [F, S. 445]. Laut Kommentar übernimmt Goethe hier in einer fürs zeitgenössische Publikum gut wiedererkennbaren Weise den Jargon absolutistischer Rekrutierungspraktiken. Die Landschaftsbeschreibung - dies ebenfalls nach meinem Kommentar - orientiert sich eher an den Pontinischen Sümpfen, die passenderweise erst unter Mussolini trockengelegt wurden.
Es ist nicht ganz gleichgültig, dass Fausts verwaschene Schluss-Utopie vom „freien Volk“ ausgerechnet auf diese Passage folgt.

„Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Aeonen untergehn. –
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.“
[F, S. 446]

Verwaschen und fragwürdig als Utopie - denn sind die, die dem „freien Volk“ hier angehören etwas anderes als sich abzappelnde Lohnabhängige?

Nach diesen Worten stirbt Faust. Und die Wette? Das:
In Bezug auf:
Für den Teufel sind jetzt die Bedingungen erfüllt, des Doktors Seele in die Hölle mitzunehmen.


ist die Frage; über sie ist viel Tinte vergossen worden. Der Kommentar berichtet, dass ein Herr namens Klett einst eine Tabelle über die zwischen 1900 und 1939 verfassten „Auflösungen“ erstellt hat, „deren Quoten [...] etwa gleich geblieben sein dürften. Für die These (1.) ‚Faust gewinnt im Wortsinne und im höheren Sinne‘ plädierten danach einundzwanzig ‚Faustforscher‘; für (2.) ‚Faust gewinnt nicht im Wortsinne, doch im höheren Sinne‘ zehn; für (3.) ‚Faust verliert‘ dreizehn, davon drei mit Fragezeichen; für (4.) ‚Faust gewinnt halb, verliert halb‘ einer, mit Fragezeichen; für (5.) ‚Keiner gewinnt, die Wette ist ungültig, da Mephisto den Kontrakt gebrochen hat‘ zwei, für (6.) ‚ungültig, da Voraussetzungen sich als falsch erweisen‘ zwei, davon einer mit Fragezeichen.“ (K., S. 752/753)
Nunja.

Halten wir gegen die Schlussworte die Vertragsworte:

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!“
(F, S. 76)

Ich finde den Konjunktiv, in dem der sterbende Faust spricht, bedeutsam. Faust sagt die entscheidenden Worte nicht, nicht eigentlich - er spricht von einer möglichen, zukünftigen Situation, in der er sie sagen könnte, und selbst diese zukünftige Situation ist ihrerseits keine, die etwas mit dem Genuss von Gegenwart zu tun hat - selbst das hypothetische „Verweile doch!“ klammert sich an ein Unruhiges, Vorwärtsstrebendes, Dynamisches - an das „Volk“, das frei genau dazu ist, sich tagtäglich sein Leben erobern zu müssen. Und gerade in dieser Abweichung vom magischen, wette-entscheidenden Satz scheint mir die wahre Teufelsverfallenheit Fausts zu bestehen - während seiner Lebensdauer, in der er doch eigentlich des Teufels Dienste beanspruchen, also über ihn verfügen sollte, verfügt das höllische Prinzip über ihn, füllt die Luft mit Spuk: „Schmerzlich Lassen, widrig Sollen“; in der Fülle verhungern, und sich dabei die Erde unterwerfen - das ist es, was Faust der Teufelspakt bringt: Ein nicht bei sich bleiben könnendes Durchrennen der Welt. Pakt und Wette selbst gehören der vom Teufel geprägten Welt an. Daher ist es für die Frage nach der Erlösung am Ende nicht mehr von Belang, wie die Wette ausgeht - die Erlösung (darin stimmt der Kommentar, wenn ich es recht verstanden habe, auch dem Adorno-Essay zu Thema zumindest grob zu) ist nicht mehr abhängig vom Wettausgang.

Das Ende der Szene spricht Mephisto. Stimmt sein Befund, Faust wolle auch noch den letzten Augenblick festhalten? Mir kommt es eher so vor, als ob Faust sich weigerte, den Tod zu sehen - er stirbt, gewissermaßen, mit dem Rücken zum Tod, eine Zukunft im Blick, die ein Wahngebilde ist; die es nicht geben wird, für ihn nicht, und wohl auch nicht für andere. „Die Uhr mag stehn“ (F., S. 76) - „Die Uhr steht still“: So entsprechen sich erster und zweiter Teil. Mephistos „[...] es ist vollbracht“ verweist auf den sterbenden Jesus am Kreuz - parodistisch & blasphemisch: Angesichts des Folgenden - das in irgendeiner Form dem Sein insgesamt den Sinn abspricht, wäre damit auch die Erlösungsgeschichte mit in den Strudel der Sinnlosigkeit gezogen worden:

„Vorbei! Ein dummes Wort.
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei.“
(F, S. 447)

Ich sehe in diesem Nihilismus eine Korrespondenz mit Fausts Weltsicht; nur dass Fausts Weltsicht über diese Verneinung den Schleier der Illusion und Verblendung legt. Das Für-sich-Seiende, der Augenblick - vergänglich, aber real - hat für beide keine Gültigkeit, er stiftet seinen Sinn innerhalb dieser Denkweise nicht aus sich. Daraus folgt - konsequent bei Mephisto, inkonsequent bei Faust - Nihilismus: Permanentes „Streben“, um quasi mit dem Vergehen Schritt halten zu können, es nicht wahrnehmen zu müssen bei Faust; der Wunsch, das Sinnlose und Vergängliche dann gleich ins Nichts heimzuholen, dem es ohnehin zuströmt, bei Mephisto.

Ist das plausibel?


I've grown tired of holding this pose
I feel more like a stranger each time I come home

Bright Eyes
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

Hisimir

Gefährte

Re: 5/ Großer Vorhof [Re: sphnix]

Das mit dem Konjunktiv ist ein guter Hinweis, den hätte ich nämlich anders interpretiert, aber deine Interpretation ergibt mehr Sinn.

In Bezug auf:
"Für den Teufel sind jetzt die Bedingungen erfüllt, des Doktors Seele in die Hölle mitzunehmen."

Das habe ich extra so formuliert, weil es eben nur für Mephisto so wirkt, als wären die Bedingungen erfüllt. Ob sie allgemein erfüllt sind/wieso Faust dann doch erlöst wird, ist ja eine ewige Diskussion in die du schon einen Einblick gegeben hast.

Faust ist also nicht nur im Wortsinn blind, sondern auch blind für "die Realität". Er sieht seinen Tod nicht, sieht nicht, dass sein Traum eine unerfüllbare Utopie ist.

Du meinst also, dass Faust und Mephisto beide Nihilisten sind, ersterer quasi, um sich das Mensch sein zu erleichtern, einer Illusion hinzugeben und der Teufel, weil es eh das Endergebnis allen Materiellen ist und schließlich auch seine "Natur" ist (Ich bin der Geist, der stets verneint...")?

Ehre das Gimp!
아미
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

sphnix

Gefährte

Re: 5/ Großer Vorhof [Re: Hisimir]

Hisimir schrieb:

Faust ist also nicht nur im Wortsinn blind, sondern auch blind für "die Realität". Er sieht seinen Tod nicht, sieht nicht, dass sein Traum eine unerfüllbare Utopie ist.

Du meinst also, dass Faust und Mephisto beide Nihilisten sind, ersterer quasi, um sich das Mensch sein zu erleichtern, einer Illusion hinzugeben und der Teufel, weil es eh das Endergebnis allen Materiellen ist und schließlich auch seine "Natur" ist (Ich bin der Geist, der stets verneint...")?



Hmm, ich glaube, ich hätte es eher so formuliert, dass Faust quasi am "Teufelsblick" auf die Welt teilhat und seine Voraussetzungen teil, diese Teufelsperspektive aber quasi ein bisschen umformt, weil er als Mensch nicht konsequent nihilitisch leben kann (er ist ja kein Prinzip, sondern ein Individuum; und die Konsequenz des reinen Nihilismus könnte für ein Individuum ja eigentlich nur der Selbstmord oder das völlige [unmögliche] Nicht-Handeln sein. Hingegen kann ein Mensch sehr wohl aus dem Geist eines überformten udn verleugneten Nihilismus handeln).


Wann wollen wir Faust denn beerdigen?


I've grown tired of holding this pose
I feel more like a stranger each time I come home

Bright Eyes
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

Hisimir

Gefährte

Re: 5/ Großer Vorhof [Re: sphnix]

Nächste Woche?

Ehre das Gimp!
아미
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

sphnix

Gefährte

Re: 5/ Großer Vorhof [Re: Hisimir]

Dagegen sollte nichts sprechen


I've grown tired of holding this pose
I feel more like a stranger each time I come home

Bright Eyes
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

Hisimir

Gefährte

Re: 5/ Großer Vorhof [Re: sphnix]

Ich fürchte, wir müssen die Leichenschau etwas nach hinten verschieben, ich habe zur Zeit recht viel zu tun und werde posten, sobald ich die Zeit dafür habe.
Könnte schon am Wochenende passieren oder erst in den nächsten Wochen.

Ehre das Gimp!
아미
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

sphnix

Gefährte

Re: 5/ Großer Vorhof [Re: Hisimir]

Ich hoffe harrend!
Oder umgekehrt?
...
oder ich schreibe schon mal selber meinen Beitrag


I've grown tired of holding this pose
I feel more like a stranger each time I come home

Bright Eyes
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

Hisimir

Gefährte

Re: 2 Wochen war der Frosch so krank, jetzt raucht er wieder. Gott sei Dank! [Re: sphnix]

Grablegung

Mephisto freut sich, endlich Faustens Seele mitnehmen zu dürfen und beklagt sich über die Schwierigkeiten, die damit "heutzutage" allgemein verbunden seien. Daher holt er sich Hilfe von allerlei Dämonen und beschwört ein Tor zur Hölle.
Die Teufel werden nach Körperumfang und Hornform unterschieden (dick oder dünn sowie gerade oder gebogen). Die Dämonen sollen Fausts Seele einfangen und sicher tief in die Hölle begleiten.
Die Ankunft himmlischer Gesandter nervt Mephisto, es fällt eine meiner liebsten "mittelalterlichen" Beleidigungen "Laffe".
Interessant finde ich Mephistos Anschuldigung, die Engel als verkappte Teufel zu beschreiben.
In der christlichen Lehre ist der Teufel ja ein gefallener Engel.
Wie von Mephisto angewiesen, verbrennen die Dämonen die himmlischen Blüten, müssen aber natürlich wieder übertreiben.
Nachdem die anderen Teufel vertrieben worden sind, muss sich der arme Mephisto alleine mit den Engeln und ihren Blüten rumschlagen. Diese lenken ihn lange genug mit ihrem Liebeszauber ab, um Fausts Seele mit in den Himmel zu nehmen. Mephisto bleibt klagend und allein zurück, ohne ein Stück, nachdem er sich jahrelang darum abgemüht hat.

Viel sagen kann ich leider nicht zu dem Text, vielleicht sorgt ja der Kommentar für mehr Erleuchtung.

Wenn ich das richtig sehe, kommt jetzt danach nur noch viel Geseiere.

Ehre das Gimp!
아미
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht

sphnix

Gefährte

V/Grablegung [Re: Hisimir]

6. Szene: Grablegung

Die Tonlage der Szene unterscheidet sie von der vorhergegangenen wie der folgenden. Fausts Tod und Alter sind düster grundiert, die folgenden Szenen handeln dann von Erlösung. In Grablegung wird die Erlösung quasi erst einmal vorbereitet, indem man den Teufel ausschaltet. Formal orientiert sie sich - so mein Kommentar - an der visuellen mittelalterlichen Darstellung vom Gerangel der teuflischen und der guten Mächte um die Seele; speziell einem Fresko in Pisa („Il trifono della morte), von dem Goethe einen Kupferstich besessen hat. Hier der rechte Teil davon:
https://www.playle.com/pictures/SCVIEW350454.jpg#

„Im Faust hat Goethe dieses alte geistliche Spiel vom Kampf der Höllengeister mit den Engeln um die menschliche Seele gleichsam in ironische Anführungsstriche gesetzt. Mit grotesk-komischen Figuren [...] inszeniert er hier eine Gattungsparodie.“ (K, S. 765)

Mir ist die parodierte Gattung - Teufelsspiel, Mysterienspiel etc. - nicht gut vertraut (wenn, dann wiederum nur aus Parodien - etwa von Busch’s frommer Helene, bei der der gute Genius gegen den Geist der Finsternus verliert); nach einigem Überlegen dachte ich mir aber, dass die genaue Kenntnis des Parodierten hier weniger wichtig ist als die Frage, wieso Goethe an dieser Stelle zur Parodie greift. Schwerlich kann es ihm vor allem darum gehen, an einer zu seiner Zeit ohnehin schon obsoleten Form abzuarbeiten. Ich würde sagen, dass die Parodie ein Mittel ist, das zur Darstellung zu bringen, was sich der Darstellung entzieht - was im Kontext der Neuzeit nicht mehr positiv darstellbar ist, weder in der ungebrochenen alten Form, noch in einer neuen (d.h.: eine neue positive Form geht grundsätzlich nicht).


Die Szene beginnt mit einem Lied der Lemuren, dass diese sich aus Hamlet geborgt haben (eine im Faust generell gern verwendete Lied-Fundgrube; schon im ersten Teil borgt Mephisto ja bei Ophelia, wenn er vor Gretchens Fenster singt)

In youth when I did love, did love,
Methought it was very sweet;
To contract- O- the time for- a- my behove,
methought there- a- was nothing- a- meet.
[...]
But age with his stealing steps
Hath clawed me in his clutch,
And hath shipped me intil the land,
As if I had never been such.
(zitiert von hier:
https://www.opensourceshakespeare.org/vi...mp;Scope=scene)

Dann baut Mephisto seine Seelenfalle auf. Hat er es nötig? Offenbar, obwohl doch das Recht - vielleicht - auf seiner Seite ist; jedenfalls pocht er darauf. „Auch was geschriebnes forderst du Pedant?“ hat Faust seinerzeit, beim Abschließen des Paktes, gefragt. Nun steht der Pedant vor dem Toten und wedelt gleichsam mit dem Vertrag. Im ganzen Faust äußert Mephisto sich nur einmal rechts-kritisch, und zwar in seiner Rolle als Faust in der Schüler-Szene: „Es erben sich Gesetz‘ und Rechte/ Wie eine ew’ge Krankheit fort“. Ansonsten hat und kennt die Hölle ihre Rechte und pocht darauf. Aber ob sie sie durchsetzen kann, ist schon zweifelhaft: „Man kann auf gar nichts mehr vertrauen.“ - es folgt eine Parodie zeitgenössischer Debatten über die Frage, wann und wie die Seele den Körper verlässt. Dann ruft Mephisto seine Helfer herbei: Die Dickteufel bilden quasi seine Bodentruppe, die Dürrteufel patrouillieren in der Luft. Kämen die Himmlischen Heerscharen nicht, die Seele könnte nicht entkommen.

Doch die Himmlische Heerschar naht - und singt: „das bübisch-mädchenhafte Gestümper/ Wie frömmelnder Geschmack sichs lieben mag.“ Der Kommentar ist eher dafür, dass der Text in diesem Punkt Mephistos Ansichten teilt - dass nicht nur die Teufel komisch sind, sondern auch die Engel; dass auch der süßliche Zeitgeschmack in puncto Engeln ironisiert wird. Auch die ungeklärte Verwandtschaft von Engeln und Teufeln, auf die Mephisto mehrfach anspielt -
„Es sind auch Teufel, doch verkappt“ (F, 450)
später dann:
„Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?“ (F, 452)
zieht sich als Thema durch die ganze Szene. Von dieser Verwandtschaft künden vielleicht auch der Klang und Rhythmus des Engelsgesanges selber, der fatal jenem gleicht, mit dem Mephisto beim ersten Zusammentreffen Faust übertölpelt, der ihn gefangen zu haben meint (Studierzimmer I, S. 68-70)

Die Engel streuen Rosen - sonderbare Rosen. Mephisto interpretiert die Blumen zunächst als kalt, fordert die Teufel auf, die mit ihrem Atem zu schmelzen - doch die Teufel blasen zu stark; und ihr Atem setzt den Rosenschnee in Brand - „Schmeichelglut“ statt Eingeschneitwerden. Für die Helfertruppen ist das zu viel, sie kullern in die Hölle zurück. Mephisto - er hatte ja auch die ganze Arbeit mit Faust - hält stand; wird nun aber von den brennenden Blütenblättern in situativ höchst unpraktische Engels-Liebe versetzt. Derart abgelenkt, kapiert er erst zu spät, dass die Himmlischen Heerscharen ihm seine Faust-Seele stehlen.
Die Rosenblätter verkörpern wohl in irgendeiner Form das Mephisto fremde Element der himmlischen Liebe, die er zwar fast nur auf der irgend-sinnlichen Ebene umsetzen kann, für die er aber gleichwohl nicht vollkommen unempfänglich ist. Darin klingt die von Goethe nicht direkt umgesetzt, aber angedachte Möglichkeit der Rettung des Teufels an. Vor dieser Erlösung rettet er die „edlen Teufelsteile“, d.h.: indem er der „absurden Liebschaft“ nur zeitweise und als „Gemein Gelüst“ nachgeht, bewahrt er sich als Teufel. Als traditionell geprellter Teufel, allerdings. Wenn man bedenkt, was er mit Faust alles mitmachen musste, hat er durchaus ein gewisses recht, zu klagen. Wichtig - auch für das Folgende - ist, dass die Prinzipien von „Liebe“, "Gnade" usw. über das Recht siegen; woran man die Frage knüpfen kann, ob eine Welt, die nur das Recht kennt, nicht von vornherein ein bisschen des Teufels ist.




Hisimir schrieb:
G
Wenn ich das richtig sehe, kommt jetzt danach nur noch viel Geseiere.




Eine sehr unsubtile Beschreibung!
Nein, ein bissl interessanter ist das hoffentlich schon; ich habs gestern nochmal durchgelesen. Lohnt durchaus. Wenn du magst, kann hier zuerst ich was schreiben, du schaust es dir danach nach belieben noch durch, und stellst eventuell dann Fragen. Unvorbereitet scheint mit die Schlusszene nämlich tatsächlich nicht leicht zu lesen.


I've grown tired of holding this pose
I feel more like a stranger each time I come home

Bright Eyes
  • Extras: Nachricht drucken
  • Auf den Merkzettel
  • Moderator benachrichtigen
  • Sende diesem Benutzer eine private Nachricht
Zusatzinformationen
Thread drucken