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Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Faust II. Eine verteufelte Sache.

sphnix

Gefährte

Faust II. Eine verteufelte Sache.

TEILNEHMERLISTE

Eingeschrieben:
Hisimir
Keli


Problembär der Klasse:
ratatoeskr, verkatert und popkulturell geschädigt

Interessierte Hospitanz:

Keks


[Der Kurs nimmt auch während des Semesters interessierte Quereinsteiger auf und ist offen für Besucher, sogar für solche, die mit Farbbeuteln werfen. Steinewerfen ist aber untersagt.]
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Faust insgesamt ist so etwas wie Goethes chronische Lebenskrankheit:
Goethe - Name: Johann Wolfgang, bisweilen auch von; Sternzeichen: Jungfrau, Augenfarbe: braun; Statur und Lebensernst vom Vater, Fabulierlust von Mama - hat den Fauststoff als Kind via Puppenspiel kennengelernt, von ca. 1777 (da war Goethe 28 und schon in Weimar) gibt es eine in ihrer Gestalt von Goethe nicht beglaubigte händische Nieder- oder Abschrift durch das Hoffräulein Luise von Göchhausen, früher Urfaust genannt, heute meist als Frühe Fassung bezeichnet.
Der Tragödie erster Teil wurde 1808 veröffentlicht. Da war Schiller (dem, wenn ich mich recht erinnere, das Verdienst zukommt, Goethe immer wieder mal einen sanften Arschtritt in Richtung „weiterschreiben!“ verpasst zu haben) seit drei Jahren tot, und damit die Weimarer Klassik auch schon wieder vorüber. Der Tragödie zweiter Teil - dessen Pläne allerdings partiell tief in die Vergangenheit zurückreichen - wurde so ungefähr zwischen 1805 und 1831 fertiggestellt, und zwar, laut meinem Kommentarband (Goethes Faust, Kommentare. Von Albrecht Schöne; insel taschenbuch; im Folgenden als K abgekürzt) zunächst der 3. Akt, dann der 1. und 2., dann der 5. und zuletzt der 5. Akt. Für uns alle, die wir auch lange mit Arbeiten brauchen und dito in den bearbeiteten Feldern hin und her springen, ist dies ein gewaltiger Trost. Ein Jahr darauf sagte Goethe der Welt im Alter von noch nicht 83 Jahren ade und verschied wahrscheinlich eher nicht mit den Worte „Mehr Licht“, aber gut klingen tun sie natürlich.

Was die Altersfrechheit Faust II (aber eigentlich den ganzen Faust) betrifft, so handelt es sich um einen Text von äußerstem Irrsinn, will sagen: großer Vielfalt.
Formale Vielfalt, insofern Goethe mit verschiedenen Metren rummacht, Handlungsvielfalt, Personenvielfalt, Genrevielfalt (er hat Züge von Mysterienspiel und bürgerlichem Trauerspiel, und was das „Tragödie“ angeht, so ist das so eine Sache ...), und vor allem ist der Text in hohem Maße transtextuell getsrickt, was so viel heißt wie: Er will, dass wir ihn idealiter dafür lieben, dass sein Dichter klaut wie eine Elster; verargen dürfen wir es ihm jedenfalls nicht. Darauf eingehen werden wir aber freudig müssen.

Und nun bin ich gespannt, wie die Erste Szene so wahrgenommen wurde.
Und: Welche Ausgaben habt ihr jeweils?


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Pyr

Gefährte

Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: sphnix]

Guten Tag, mein Name ist Pyr, ich studiere pro forma im xten Semester und würde gerne ohne Anmeldung am Seminar teilnehmen; einen Schein brauche ich nicht, möchte aber auch der Wesen Tiefe nicht fetischisieren.

Gommorah is a nursery rhyme
you won't find in the book.
It's written on your city's face,
just stop and take a look.

(Sixto Rodriguez)


In ihrem Schweigen gegen die Erlebnisberichte der Individuen wird die Totalität das letzte Wort behalten.
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Hisimir

Gefährte

Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: Pyr]

Ich habe im Moment leider nur zwei E-Book Varianten, eine ohne jegliche Verdeutlichungen für Szenenwechsel. Zumindestens nicht gefettet, sondern im Fließtext ohne Hervorhebung eingebunden.
Bei meinen Eltern habe ich eine Doppelausgabe Faust I und II, wenn ich Ostern da bin, werde ich die fürderhin nutzen

Ich hab jetzt Mal bis "Kaiserliche Pfalz, Saal des Thrones" gelesen. Danach fängt der Kaiser an zu reden. Sollte die Szene noch dazugehören, dann liefer ich dazu noch was nach ^^

Diese ersten Monologe erinnern mich ein wenig an den Osterspaziergang, nur wesentlich ausführlicher. Eine "Huldigung" der Natur. Oder zumindestens das Beschreiben der Schönheit der Natur. Hier wird wohl ein Sonnenaufgang beschrieben, aber auf eine Art und Weise, dass ich es erst mehrmals Lesen muss, um die Beschreibungen zu den entsprechenden Phänomenen zu verstehen. Es ist eine Weile her, dass ich Faust I gelesen habe, aber ich habe den Eindruck, der hat sich damals leichter gelesen.
Bei den Reimen ist etwas Abwechslung drin und es ist nicht die ganze Szene immer im gleichen Reimschema, was das Auswendiglernen erschwert.

Ich stelle mir gerne vor, dass Goethe das geschrieben hat, damit zukünftige Generationen von ihren Lehrern zur mit der Frage Verzweiflung getrieben werden, was der Dichter uns damit sagen wollte.
Ich bin nach wie vor unfähig, ein Metrum vernünftig zu bestimmen, kann mir da wer aushelfen, was hier verwendet wird (Ich vermute ja mehr als eins, aber das wars dann auch schon).

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sphnix

Gefährte

Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: Hisimir]

Ich meine die Szene bis zum "farbigen Abglanz"


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Hisimir

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Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: sphnix]

Dann hab ich ja richtig gelesen

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sphnix

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Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: Hisimir]

Aber wer außer dir?


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Hisimir

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Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: sphnix]

Du, so hoffe ich

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sphnix

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Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: Hisimir]

Ich eh. Aber sonst?
Ich warte glaub ich mit der Erläuterung bis morgen, sonst is ja doof.


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sphnix

Gefährte

Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: sphnix]

1. Akt, 1. Szene: Anmutige Gegend

Die Szene spielt irgendwann nach der Kerkerszene von Faust I und stellt eine Art Alles auf Anfang dar:
Faust wird von Naturgeistern mit den Vergessenswässerchen Lethes besprengt:
„Nicht die auf der Fähigkeit zur Schuldeinsicht beruhende moralische Würde des Menschen erweist sich an ihm, sondern eine amoralische vegetative Regenerationsfähigkeit [...]. Nichts wird mehr erinnert. Fausts Gewissensentlastung verdankt sich dem Vergessen.“ (K, S. 401)
Diese Form amoralischer Gnade kann als Vorschein der am Schluss stehenden unverdienten Rettung Fausts gelesen werden.

Der Gesang Ariels setzt mit einem vierhebigen Trochäus ein („WENN der/ BLÜten/ FRÜHlings/- REgen...“) [S. 203; Ich verwende die insel taschenbuch-Ausgabe, von Schöne herausgegeben; künftig abgekürzt mit F]), das geht so 2 Kreuzreime lang. Dann wechselt das Metrum zum fünfhebigen Jambus („BeSÄNF/tiGET/ des HER/zens GRIM/men STRAUSS“ ]).[F, S. 203
Die Geister singen im vierhebigen Jambus. Die Reime sind sowohl bei Ariel teils klingend (füllen/Nebelhüllen), teils stumpf (Plan/heran). Der Kreuzreim bleibt vorherrschend, aber er ist nicht die einzige Reimform.

Der Chor der Geister beschreibt den Verlauf der Nacht und des Schlafs. Die Äolsharfe, die den Gesang begleitet, ist aus der Zueignung in Faust I schon bekannt, wo das „lispelnd Lied“ [F, S. 11] des Dichters selbst als „der Äolsharfe gleich“ benannt wird. es handelt sich bei diesem Gegenstand um ein sensibles Saiteninstrument, auf dem der Wind selbst spielt; insofern passt es auch nicht übel zu den Naturgeistern.

Ariels Gesang kündet - zusammen mit dem „Ungeheure[n] Getöse“, das das Herannahen der Sonne an. Dass die Sonne hörbar ist, entspricht ihrem Verhalten im Prolog im Himmel, der mit Erzengel Raphaels Aussage: „Die Sonne tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang“ [F, S. 25] einsetzt. Laut Kommentar liegt dem faustischen Kosmos weder das geo- noch das heliozentrische Modell zugrunde, sondern das Pythagoreische, nach welchem sowohl Sonne wie Erde wie 8 weitere Himmelskörper um ein Zentralfeuer kreisen [K, S. 165].

Der erwachende Faust spricht in fünfhebigen Trochäen, freut sich an der Landschaft und hat schon wieder den Drang, „Zum höchsten Dasein immerfort zu streben.“ (F, S. 205) Er freut sich an der Sonne, aber als sie weiter nach oben steigt, wird er geblendet. An dieser Stelle wird es für meinen Geschmack etwas arg lebensweisheitlich: Fausts Reflexion setzt sein Erleben der Sonne mit dem Problem der Wunscherfüllung, mit der man nichts rechtes anfangen kann, analog. Das ist konkret psychologisch wohl anwendbar, kommt aber etwas arg allgemein daher. Gleichwohl finde ich die Passage sehr schön geschrieben.
„So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
“ [F, S. 206] folgert Fausten aus dem Augenschmerz, und zieht den Wasserfall-Regenbogen der Anschauung des reinen Sonnenlichts vor. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.“ [F, S. 206] Alle Goethischen Farbenlehren mal beiseitegelassen, ist das natürlich auch so eine echte rechte Künstlerweisheit.
Und außerdem ist es eine Abkehr Fausts von einer alten Form seines Strebens bei Osterspaziergang (weswegen ich Hisimirs Verbindung dieser Szenen auch nicht un-naheliegend finde). Dort hat man exakt die umgekehrte Situation, nämlich den Sonnenuntergang:

„O daß kein Flügel mich vom Boden hebt,
Ihr [der Sonne] nach und immer nach zu streben!“
[F, S. 56]

Das Motiv der Sonne wird mindestens an einer weiteren Stelle auftauchen, ist also beim Lesen vielleicht im Hinterkopf zu behalten.


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Gefährte

Re: Faust II. Eine verteufelte Sache. [Re: sphnix]

sphnix schrieb:

Ariels Gesang kündet - zusammen mit dem „Ungeheure[n] Getöse“, das das Herannahen der Sonne an. Dass die Sonne hörbar ist, entspricht ihrem Verhalten im Prolog im Himmel, der mit Erzengel Raphaels Aussage: „Die Sonne tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang“ [F, S. 25] einsetzt. Laut Kommentar liegt dem faustischen Kosmos weder das geo- noch das heliozentrische Modell zugrunde, sondern das Pythagoreische, nach welchem sowohl Sonne wie Erde wie 8 weitere Himmelskörper um ein Zentralfeuer kreisen [K, S. 165].




Jetzt weiß ich, wieso ich auch an den Prolog im Himmel denken musste

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