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Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Harry Potter und die bürgerliche Ideologie. Eine kritische Auseinandersetzung mit Aufbau, Inhalt und Hintergrund der Romane.

mohrchen

Gefährte

Re: Augferischt-Aufgefallenes [Re: Inken]

Inken schrieb:
@mohrchen

Dann poste ich noch mal meine erste Antwort in diesem Thread an Dich:

Inken schrieb:
mohrchen schrieb:

Schon die Figur des Harry Potter selbst halte ich für arg unglaubwürdig und rekonstruiert. Der müsste bei der Behandlung durch die Dursleys eigentlich schwer traumatisiert sein und mit Sicherheit nicht fähig zu lieben. Eher hätte Harry soziopathische Züge entwickelt. Gryffindor? Never ever, wo soll denn das Selbstvertrauen herkommen?


Es kommt halt darauf an, welches Genre man einem Werk unterstellt.
Unterstellt man einem Werk der Phantastik unsere Alltagsrealität, dann könnte Deine Deutung hinkommen.
Tut man das nicht, käme man zu anderen Ergebnissen.



Es ging also um Harry. Und mein Thema dabei war: Ist das Werk ein Werk des Realismus bzw. Naturalismus oder eben gerade nicht.

OK, dann darauf die einfache Rückfrage: Hä? Ich sehe in der Antwort keinen Bezug zu Harry.


Inken schrieb:
Was James betrifft:

mohrchen schrieb:
Ja, und mein Antwort darauf ist: Ich sehe keine Prämisse, die die Interpretation zulässt, dass James Potter ein durch und durch liebenswerter Mensch war.


Ich auch nicht. Ich kenne auch niemanden, der das behauptet.


Naja, hier folge ich Sphingens Interpretation, dass nämlich mit den Personen, die sich über James äußern (außer Snape), Rowling das durchaus tut. Es gibt eigentlich keine Stelle in der Serie, in der nicht Snape und James als die mochten sich halt nicht dargestellt werden. Selbst, als Harry Sirius auf die Mobbingattacken von James gegenüber Snape anspricht, wiegelt der ab, das seien nur Dummejungenstreiche gewesen und das dürfe man nicht so eng sehen. Und dadurch, dass Harry sich damit zufrieden gibt und keine nagenden Hintergedanken hat, gibt Rowling der Thematik in meinen Augen dann auch keine wirklich zufriedenstellende Behandlung.

In Bezug auf:
Ich nehme das so wahr, dass der sogenannten "guten Seite" - also den Widerständlern - mitunter genau die gleichen negativen Merkmale zugeordnet wurden wie der sogenannten "bösen Seite".

Ich nehme das als sehr halbherzigen Versuch wahr, das zu tun.

In Bezug auf:
Das könnte ein Erbe Tolkiens sein, der mit dem gleichen literarischen Mittel arbeitet: beide Seiten tragen die Gefährdung hin zum Destruktiven in sich und überschreiten oft die Grenze zum Destruktiven.

Nein, da gibt es zu viele Charaktere, die dem Schema deutlich widersprechen: Faramir, Samweis; Merry und Pippin (Pippin ist einfach nur tollpatschig; das kann destruktiv sein, ist aber nicht per se böse), Aragorn, Gandalf...

Der einzige, der diesem Schema tatsächlich entspricht, ist Boromir.

Gruß, Thilo.

Never take your liberty for granted, and be careful whom you vote for because it may be the last election you'll ever have.
-- Garry Kasparov

Terroristen sind NIEMALS Gläubige. Terroristen sind IMMER kranke Arschlöcher!
-- Ralf Ruthe
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Inken

Gefährte

Re: Augferischt-Aufgefallenes [Re: mohrchen]

Danke, mohrchen, für Deine Gegenreaktion.
Nun sind beide Seiten noch einmal dargelegt, und andere können daraus ihre Schlüsse ziehen.
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Inken

Gefährte

Re: Augferischt-Aufgefallenes [Re: mohrchen]

Nachtrag:

mohrchen schrieb:
Es gibt eigentlich keine Stelle in der Serie, in der nicht Snape und James als die mochten sich halt nicht dargestellt werden.
Selbst, als Harry Sirius auf die Mobbingattacken von James gegenüber Snape anspricht, wiegelt der ab, das seien nur Dummejungenstreiche gewesen und das dürfe man nicht so eng sehen.


Ja klar: so reden die handelnden Charaktere.
Der Leser aber kann sich sein eigenes Urteil erlauben. Es wird sehr viel mehr im Text sichtbar, als das, was die literarischen Charaktere wissen.

mohrchen schrieb:
Und dadurch, dass Harry sich damit zufrieden gibt und keine nagenden Hintergedanken hat, gibt Rowling der Thematik in meinen Augen dann auch keine wirklich zufriedenstellende Behandlung.


Das eben geht mir nicht so. Ich bin als Leser nicht angewiesen auf das Erklärinteresse des Erzählers oder des Autors.
Mir wäre das sogar peinlich, wenn mir Letztgenannte vorerklären wollten, was ich von den Personen zu halten hätte.
Je weniger der Autor sich da reinmischt, desto qualitativer ist das Werk für mich.

"Bilde, Künstler, rede nicht" - sagt Goethe, und dieses Prinzip gilt bis heute. Es soll etwas dargestellt werden, aber nicht auch noch erklärt werden.

Nimm Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" zum Beispiel, ein viel gespieltes Nachkriegsdrama und -hörspiel.
Mit keinem Wort zum Beispiel steht im Text, dass Beckmann, der Heimkehrer, ein Jammerheini ist, mit viel Selbstmitleid.

Und doch wird es mitunter heute so empfunden und kann auch herausanalysiert werden. Borchert hat das mit reingeschrieben, ohne es - vielleicht, wer weiß; vielleicht aber auch nicht - selber zu registrieren.
Der Autor registriert einfach nicht alles, was er in seinen Text alles hineinpackt.

Geändert durch Inken (15.03.2017 13:56)

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sphnix

Gefährte

dies & das [Re: Inken]

Nachtrag zur gläsernen Inken, bei der man auf Granit beißt:
Inken, ich halte dieses ganze Getue rund um „Ich muss nicht …“, und „kann auch unter massiver Bedrohung nicht“ für überflüssig und irreführend. Das „Müssen“, auf das hier verschiedene User verwiesen haben, wenn sie davon sprachen, dass du etwas darlegen müsstest, war ganz klar ein inhaltliches, d.h.: WENN du sagst, dass eine Sache sich so und so verhält, DANN musst du sie begründen/darlegen/schildern, damit andere das nachvollziehen können. Um dieses diskussionsimmanente, sachimmanente Müssen geht es, um kein anderes; und dementsprechend ist es unnötig, hypothetische massive Bedrohungen herbeizufabulieren.

Aber gut, da du nun wenigstens einige Dinge erläutert hast, kann ich ja auf diese eingehen und hoffe, dass die Granitbeißerei vorläufig erledigt ist.

In Bezug auf:

Willst Du letztendlich darauf hinaus, dass es nur eine einzige "richtige" Sichtweise gibt - eine, die "voraussetzungslos" ist und sich der Regel, dass man seine eigenen Voraussetzungen bei der Interpretation auf den Tisch zu legen habe, nicht unterwerfen müsse?



Nein, das will ich keineswegs sagen. Ich will lediglich darauf hinaus, dass nicht jede Voraussetzung gleichermaßen geht. Der Text, an den ich eine Voraussetzung herantrage, hat eine eigene Qualität, Form usw. und kann dementsprechend nicht mit jeder beliebigen Folie so gelesen werden, als würde er in ihre Raster passen. Interpretation ist nicht nur an ihre eigenen Verfahren gebunden (und in der Wahl dieser Verfahren auch nicht willkürlich); Interpretation ist an das Objekt gebunden, das sie interpretiert und damit zugleich konstituiert.

In Bezug auf:
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, deutest Du nicht strukturell, siehst das Werk nicht als Komposition, wo die Gegenseiten sich ähneln können - ohne dass ein Erzähler das betont.



Ich gehe nach der vorherigen Passage schwer davon aus, dass du mich nicht richtig verstanden hast; ich meinerseits verstehe aber wiederum die „Gegenseiten“ nicht. Was meinst du mit diesen Gegenseiten?

In Bezug auf:
Daraus würde dann folgen:
Wer Kompositionelles mit in die Deutung einbezieht, kommt zu anderen Ergebnissen als der, der sich auf den Inhalt beschränkt.



Ich würde niemals davon ausgehen, dass man bei der Interpretation eines literarischen Textes Komposition und Inhalt strikt trennen könnte.

In Bezug auf:
Also gut, ich wiederhole, was ich schon ein paar Mal geschrieben habe:

Die Ansicht über die Darstellung der Harry-Figur hängt unter anderem davon ab, welche Genreauffassung man von "Harry Potter" hat.
Fasst man ein Buch als ein Werk des Realismus auf oder als ein Werk der Phantastik, kommt man bezüglich Deutungen zu anderen Ergebnissen.

Ich erweitere diese Aussage jetzt noch ein bisschen:
Liest man ein literarisches Werk als Marxist, kommt man in vielerlei Hinsicht zu einer anderen Deutung, als wenn man es als Christ liest.
Ein Buddhist aus Indien wird das Buch wieder ganz anders verstehen.

Die Beispiele sind beliebig erweiterbar, und aus diesem Grundgedanken resultiert auch die Rezeptionsgeschichte.
Durch die Generationen hindurch werden Werke unterschiedlich rezipiert, und die Unterschiedlichkeit hängt zusammen mit den unterschiedlichen Prämissen zum Beispiel in den Zeitepochen.

Nachtrag:
Ich habe noch was vergessen, was ich auch in den früheren posts geschrieben hatte:
Man kann aus der Art, wie jemand etwas deutet oder bewertet, schlussfolgern, welches Genre er bei dem Werk bewusst oder unbewusst voraussetzt - und auch nicht selten die Weltsicht oder Weltanschauung herausfiltern, aus der heraus er das Werk deutet.



1. „Genreauffassung“ und der Herkunftsdiskurs des Lesers sind zwei komplett verschiedene Dinge.

2. Ich muss ein Buch nicht in ein Genre einordnen, um seine Tonlagen, Sprache, Perspektive usw. zu analysieren. Daher kann ich auch Brüche oder Unstimmigkeiten feststellen, ohne vorher ein Genre festzulegen (nur so können überhaupt neue Genres identifiziert werden, nebenbei).

3. Die unterschiedlichen Textdeutungen verschiedener Diskurse stehen nicht abstrakt-gleichberechtigt und reibungslos nebeneinander.

Zum einen: In den abweichenden Deutungen manifestiert sich die Spannung zwischen den Diskursen, in der Debatte um die Deutung setzt sich die Debatte zwischen den Diskursen fest. Ein abstrakter Verweis darauf, dass es andere Deutungen gibt, sagt in diesem Sinne nicht mehr, als dass es auf dieser Welt verschiedene Anschauungen gibt. Das weiß aber jeder, der seine eigene Anschauung äußert. Darum äußert er sie ja: Gegen die anderen. Diese Ungleichheit und (von jedem Diskurs angestrebte) Geltungshierarchie eines angewandten Diskurses besteht möglicherweise auch dort, wo eine gewisse Einigkeit über den Gegenstand herrscht. Eine ehekritische Lesart wird die in der Pottersphäre grassierende Vermehrungs- und Hochzeitswut anders werten als eine familienbefürwortende; den Befund, dass in der Pottersphäre Vermehrung ohne Ehe ebenso selten wie Ehe ohne Vermehrung ist, können beide Lesarten indes teilen

Zum anderen: Ein Text entsteht aus bestimmten Herkunftsdiskursen heraus, die wiederum den Text mitprägen. Diese Diskurse, die die Textentstehung mitbestimmen, sind für die Frage, mit welchen Diskursen man ihm wie nahen kann, nicht egal. Ein Physiker des 20. Jahrhunderts wird (in seiner Eigenschaft als Physiker) höchstwahrscheinlich keine sehr tiefe und fruchtbare Interpretation von „Frau Holle“ liefern.
Ich will damit keinesfalls sagen, dass man für jeden Text sozusagen aus der Metaperspektive und im Voraus entscheiden könnte, welche Diskurse funktionieren oder nicht, welche dem Text gerecht werden können oder nicht. Ich will damit lediglich sagen, dass ein Text Eigenschaften hat, die nicht eindimensional von der Deutung hervorgebracht werden. Um es metaphorisch zu sagen: Man weiß nicht im Voraus, welche Beleuchtung die Schrift sichtbar macht. Aber nicht jede Tinte ist in jedem Licht lesbar.

4. Ergo: Ein literarischer Text ist keine Gebrauchshure für jedermann. Er ist kein unbeschriebenes Blatt, auf das jeder krakeln kann, was er mag. Der Herkunftsdiskurs des Deutenden prägt seine Sicht auf den Text und seine Deutung, er IST aber nicht die Deutung. Würde der Herkunftsdiskurs des Deutenden die Deutung derart dominieren, dass zwischen den diversen Deutungenansätzen keine Debatte mehr möglich wäre, die sich auf ein gemeinsames Objekt bezieht, dann WÄRE der Text nicht mehr (und damit auch keine Deutung).


Zu Harry und weiterem Geschriebenen:

1. Ich habe keine Ahnung, wieso du permanent über den
In Bezug auf:
strikt erhobene[n] Zeigefinger des Autors


Oder das
In Bezug auf:

Erklärinteresse des Erzählers oder des Autors.


nachsinnst, um dann Leuten, die von Tendenzen IM TEXT sprechen, vorzurechnen, dass du Autor und Erzähler in getrennten Schubfächern aufbewahrst oder als Leser subtil genug bist, dir deine eigenen Ansichten über die fiktiven Charaktere eines Romans zu bilden.
So clever bin ich auch, weswegen ich u.a. überhaupt erst auf die Idee komme, zu sagen, dass eine Figur, die in „Harry Potter“ vorwiegend positiv geschildert wird, nach meinem Dafürhalten eine veritable Arschgeige ist.
Mein Problem mit dem Text ist keineswegs, dass die Erzählinstanz mir zu sparsam mit eindeutigen Charakterisierungen ist. Ich vermisse keine „Vorerklärungen“ zur Frage,
In Bezug auf:
was ich von den Personen zu halten hätte.


Im Gegenteil: Mir suggeriert der Text sehr genau, was ich von wem zu halten habe, und ich kritisiere sowohl die Art und Weise der Suggestion wie auch die Tendenz. Ich kritisiere gerade die Darstellung – und nicht die Abwesenheit eines Beipackzettels.
Die Art und Weise kritisiere ich u. a. , weil der hässliche, dicke Pettigrew dem gutaussehenden James gegenübergestellt wird (und du wirst mir nicht ernstlich erzählen wollen, dass „dick“ in den Potterromanen eine neutrale Kategorie ist), weil der Potter-Papa nie, nie, nie in irgendeiner Weise „schlecht aussieht“, nicht im wörtlichen und nicht im übertragenen Sinne. Das Äußerste ist, dass er in einem Akt ins sadistische gewendeter Coolness bei der Sache mit Snape negativ-cool ist. Herzlos-cool. Aber cool ist er immer. So wie Pettigrew auch da, wo er ein Fünkchen Mitmenschlichkeit zeigt, uncool bleibt. Das Jämmerliche an einer Haltung, wie James sie an den Tag legt, ist kein
Teil der Darstellung. Und das Coole und Heroische von Papa Hirsch erschöpft sich nicht in der Projektion eines blitznarbigen Waisenknaben, es wird auch vom Text getragen, es wird von innerhalb des Textes als glaubwürdig dargestellten Figuren wie Dumbledore bestätigt. (Wenn ich „glaubwürdig“ sage, meine ich nicht, dass diese Figuren niemals lügen und niemals etwas irgendwie schlechtes tun, sondern schlicht, dass sie im Großen und Ganzen als Sympathieträger und als in ihrem Wollen aufrichtig gezeichnet sind). Der Text – und das ist die Tendenz – schildert James als einen Helden, der auch ein paar Schattenseiten hat. Er schildert Pettigrew als eine erbärmliche Ratte, in deren Herzen das Fünkchen der Menschlichkeit nur zu ca. 87% erloschen ist, nicht aber zur Gänze. Das alles ist ein Problem der Darstellung/des Dargestellten, nicht der Beipackzettel.

2. Da du das Thema Genre so häufig anschneidest:
Ich halte es für ein zentrales Problem der ganzen Potter-Reihe, dass die Texte Darstellungsverfahren verschiedener Genres (Fantasytext, irgend-psychologischer Entwicklungsroman, Mythos/Märchen usw.) übernehmen, ohne dass diese Verfahren auf ihre Kombinierbarkeit hin überprüft oder miteinander abgeglichen werden. Gerade die Monstrosität eines Individuums, das leider doch irgendwie der Teufel ist (ich rede von Riddlemort) ergibt sich aus dieser blinden Kreuzung. Riddle ist einerseits ein Junge mit einem Schicksal, dessen Charakter an manchen Stellen in seiner Biografie begründet werden kann, aber zugleich ist er auch das immer schon souveräne und böse Satanskind, das sich die Welt untertan manchen will. Das liegt daran, dass er zugleich in einem psychologischen Roman wie in einem mythisierenden Fantasytext auftreten muss. Die ideologischen Konsequenzen sind desolat, weil die Darstellung Voldiddles suggeriert, dass ein Individuum der Teufel sein kann, dass also nichts anderes bleibt, als es aus der Welt zu schaffen.
Das hat die Autorin vielleicht nicht gewollt, je nun. Aber der Text, die Darstellung exerziert es durch. Denn wie du sagtest:
In Bezug auf:
Der Autor registriert einfach nicht alles, was er in seinen Text alles hineinpackt.



Aber es ist halt trotzdem drin.


no suicides permitted here, and no smoking in the parlor

(Moby Dick)
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Inken

Gefährte

Re: dies & das [Re: sphnix]

sphinx schrieb:
Inken schrieb:
Willst Du letztendlich darauf hinaus, dass es nur eine einzige "richtige" Sichtweise gibt - eine, die "voraussetzungslos" ist und sich der Regel, dass man seine eigenen Voraussetzungen bei der Interpretation auf den Tisch zu legen habe, nicht unterwerfen müsse?


Nein, das will ich keineswegs sagen. Ich will lediglich darauf hinaus, dass nicht jede Voraussetzung gleichermaßen geht.


Gehen tut jede schon einmal gemachte Voraussetzung. Die Frage ist nur, warum sie jemandem nicht passt und aus welchem Grund.

Die Prämissen des anderen - vor allem, wenn sie nicht bewusst mitformuliert wurden - kann man selbstverständlich für inakzeptabel erklären. Aber dann müssen die eigenen Prämissen ebenfalls formuliert werden und warum man die eigenen für hochwertiger hält.
Deuter C kann dann wieder diese "Hochwertigkeit" in Frage stellen.
So entsteht Rezeptionsgeschichte.

sphinx schrieb:
Interpretation ist an das Objekt gebunden, das sie interpretiert und damit zugleich konstituiert.


Das sehe ich auch so. Aber in Deinem Satz steckt mit drin, dass das "Objekt" nicht objektiv existiert. Ich lasse meine Sichtweise von ihm konstituieren und konstituiere gleichzeitig das Objekt.

Dieser Prozess ist schwer fassbar, aber hier liegt eine der Grundschwierigkeiten von Deutung.

Ich wollte aber auf noch anderes hinaus:
Viele deuten relativ sorglos ein Werk, sie lassen sich von ihrem Instinkt oder ihrem Bedürfnis lenken.
Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass diese Prämissen - selbst wenn sie sich an Hand des Werkes nicht bestätigen lassen - eine Funktion haben. Der Leser ist ja nicht unwichtiger als das Werk. Wenn eine Menge von Lesern kontinuierlich ein Werk der Phantastik realistisch lesen - dann wäre es schon von Bedeutung zu fragen:
Warum wird das Genre so konsequent umformuliert. Welches Bedürfnis steht dahinter?

sphinx schrieb:
Was meinst du mit diesen Gegenseiten?


In dem hier Abgehandelten die einander Bekämpfenden wie Pettigrew und James.
Bei Tolkien zum Beispiel Feanor und Melkor. Letztere sind Todfeinde, handeln aber strukturell genauso. Feanor ist der Gute, der den Elben helfen will, ist auch Sympathieträger, während Melkor jedem widerlich ist.
Sodass letztendlich nur eine Abstufung des Absinkens in - tragische - Egozentrik bei den Personen vorliegt, keine echte Gegensätzlichkeit.

sphinx schrieb:
[...] Sympathieträger[...]


Sie können eine Finte sein. Wenn ein Sympathieträger mordet, dann ist es immer noch Mord. Genauso, als hätte ein Ekelpaket gemordet.
Daraus zu schlussfolgern - wie manche Potter-Fans (in anderen Foren) es getan haben -, dass Rowling Übles als in Ordnung erklären will, weil ein Sympathieträger dieses Üble begangen hat, ist für mich unhaltbar.

sphinx schrieb:
Der Text – und das ist die Tendenz – schildert James als einen Helden, der auch ein paar Schattenseiten hat.


Ein Text kann nichts schildern. Es werden die Sichtweisen der Personen auf James beschrieben.
Aber was sagt das? Dass sie parteiisch sind. Der Leser muss nicht parteiisch sein.

sphinx schrieb:
Er schildert Pettigrew als eine erbärmliche Ratte, in deren Herzen das Fünkchen der Menschlichkeit nur zu ca. 87% erloschen ist, nicht aber zur Gänze. Das alles ist ein Problem der Darstellung/des Dargestellten, nicht der Beipackzettel.


Wenn man das Buch als Ganzes liest - und alle Urteile über Pettigrew samt Erzählperspektive (möglicherweise ist es die von Harry) zusammen nimmt, dann kommt da vielleicht ein armes Menschenwesen bei rum, das zu viel Angst und zu wenig Mumm hat, ja.
Dadurch wird aber James Potter doch um keinen Deut aufgewertet, und Harry hat da scharfe Augen. Dass Sirius etc. das abwiegeln - das nimmt nicht einmal Harry ernst. Der anfangs im Buch so hochgejubelte James Potter wird halt später so langsam demontiert, dekonstruiert. Das ist ein starker Moment im Buch, wie ich finde.
Ebenso wie beim Ekelpaket Snape später sehr zarte und zärtliche Seiten zum Vorschein kommen. "Nichts ist so, wie es scheint".

sphinx schrieb:
2. Da du das Thema Genre so häufig anschneidest:
Ich halte es für ein zentrales Problem der ganzen Potter-Reihe, dass die Texte Darstellungsverfahren verschiedener Genres (Fantasytext, irgend-psychologischer Entwicklungsroman, Mythos/Märchen usw.) übernehmen, ohne dass diese Verfahren auf ihre Kombinierbarkeit hin überprüft oder miteinander abgeglichen werden. Gerade die Monstrosität eines Individuums, das leider doch irgendwie der Teufel ist (ich rede von Riddlemort) ergibt sich aus dieser blinden Kreuzung. Riddle ist einerseits ein Junge mit einem Schicksal, dessen Charakter an manchen Stellen in seiner Biografie begründet werden kann, aber zugleich ist er auch das immer schon souveräne und böse Satanskind, das sich die Welt untertan manchen will. Das liegt daran, dass er zugleich in einem psychologischen Roman wie in einem mythisierenden Fantasytext auftreten muss. Die ideologischen Konsequenzen sind desolat, weil die Darstellung Voldiddles suggeriert, dass ein Individuum der Teufel sein kann, dass also nichts anderes bleibt, als es aus der Welt zu schaffen.
Das hat die Autorin vielleicht nicht gewollt, je nun. Aber der Text, die Darstellung exerziert es durch. Denn wie du sagtest
Inken schrieb:
Der Autor registriert einfach nicht alles, was er in seinen Text alles hineinpackt.

Aber es ist halt trotzdem drin.



Ein für mich sehr schwieriges Thema, ich knacke da zeitweise sogar noch bei Tolkien rum, obwohl der viel früher mit diesem Mischmasch angefangen hat als Rowling.

Es ist wahr: wahrscheinlich seit Tolkien hat eine Unterform des realistischen Romans gleichzeitig eine mythische Tiefendimension bekommen.
Oder umgekehrt: der mythische Roman wurde von einer realistsch-psychologischen "Parallelwelt" unterfüttert.

Bei Tolkien verstehe ich das inzwischen so:
der auf dem Schlachtfeld kämpfende Hans Müller ist nie nur die Person Hans Müller, sondern schleppt jede Menge (archaisch-) kollektives Fühlen und Denken mit sich rum. Jede Sekunde.
Literarisch wird das in zwei Parallelwelten dargestellt. Hans Müller ist mal nur Hans Müller, mal nur beherrscht von ur-kollektiven Gedanken und Gefühlen.

Tom Riddle ist ein Junge mit unguten Erfahrungen, wie Du schliderst, aber er versucht sich - und das ist anders als bei Tolkien - selber zu einem unmenschlichen Monstrum umzubauen.
Damit wird literarisch formuliert, was in unserer Gesellschaft eventuell vielleicht auch stattfindet, wenn auch weniger aus bewusstem Wollen.

Da ich Band 7 - beim Wiederlesen - noch immer nicht fertig habe, habe ich das nicht mehr so deutlich in Erinnerung, aber ich meine, dass Voldemort den Prozess der Entfremdung - Seelenanteile von sich abzuspalten und in Objekte zu stecken - bis zum Exzess vorantreibt.
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Laica

Gefährte

Re: dies & das [Re: Inken]

OT weil es hier nicht hingehört aber gesagt werden muss:

Inken schrieb:
Bei Tolkien zum Beispiel Feanor und Melkor. Letztere sind Todfeinde, handeln aber strukturell genauso. Feanor ist der Gute, der den Elben helfen will, ist auch Sympathieträger, während Melkor jedem widerlich ist.


Das halte ich für glatt gelogen. Feanor ist weder der Gute noch Sympathieträger. Und den Elben generell helfen will er jetzt ja mal am allerwenigsten.
Ich will Melkor und Feanor nicht auf eine Stufe stellen, aber in Sachen Egozentrik steht letzterer erstem in nichts nach.

Nostalgia,
that's why you're here.
You're a tourist in your own youth.
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Inken

Gefährte

Re: dies & das [Re: Laica]

Laica schrieb:

Das halte ich für glatt gelogen.


Na super. Lüge zu unterstellen, ist ziemlich heftig. Da ist dann keine Diskussion mehr möglich. Ende der Durchsage.
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Mesalina

Gefährte

Re: dies & das [Re: Inken]

Der Auftritt der Schüler von Beauxbaton und Durmstrang im Film sind jawohl gender roles in a nutshell.

Nicht, dass sie sich sonst damit zurückhalten, aber das war doch etwas eklig offensichtlich

Why is there never a big red button?

Try not to start a war before I get home, you know what it does for the traffic.

Hermits united.
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athameg

Gefährte

Re: dies & das [Re: Mesalina]

"Etwas" offensichtlich ist eine leichte Untertreibung. Und, selbst abgesehen von dem Umstand, dass laut Buch sowohl in Beauxbatons als auch in Durmstrang Jungen und Mädchen zusammen unterrichtet werden: diese beiden Show-Auftritte, die ja gleich noch ein paar andere Klischees mit bedienen ("typische Französinnen", "typisch russisch"), sind einfach nur


Früher suchten die Hexen ihre Alraunen unterm Galgen, heute suchen sie sie im Internet. "Die Welt ist im Wandel", in der Tat.
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sphnix

Gefährte

Quintesssenzsatz, mir soeben durch den Kopf gegeistert: [Re: athameg]

Harry Potter inszeniert die Ideologie vom Ende der Geschichte.


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