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Gesellschaft, Kultur, Freizeit » Bibliothek » Harry Potter und die bürgerliche Ideologie. Eine kritische Auseinandersetzung mit Aufbau, Inhalt und Hintergrund der Romane.

muemel

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Caddy]

Naja, Tonks ist Aurorin. Etwas tollpatschig dafür, aber trotzdem Aurorin. So, wie ich das verstanden habe, sind Auroren nicht genau äquivalent zur Muggelpolizei insofern sie sich nicht um so Dinge wie Ladendiebstahl zu kümmern scheinen sondern mehr oder minder ausschließlich um die Jagd auf Schwarzmagier. Kripo quasi. Und die Schwarzmagierjagd wird ja schon so dargestellt, wie kleine Jungs von Polizeiarbeit träumen. Rausgehen, Tarnen und Auflauern, Duellieren. Eher "männliche" Tätigkeiten. Sie muss dafür aber keine Junggesellin sein, sie heiratet und bekommt ein Baby. Wie sie sich im weiteren Verlauf verhalten würde, ob sie sich in das sonst geltende Muster einfügen würde, wissen wir nicht, weil sie stirbt. Im 7. Buch ist sie untergetaucht, das wäre sie aber sicher auch, wenn sie ein Mann wäre. Vermutlich mussten alle Auroren untertauchen, wenn es tatsächlich Schwarzmagier-Jäger sind, so wie ich es verstanden habe.

Insgesamt sehe ich es als möglich an, die Figur Tonks ohne größeren Aufwand in eine männliche zu verwandeln (aber trotzdem sehe ich sie in der Form, wie sie ist, als glaubwürdig weiblich an, nicht, dass man das falsch versteht). Remus als Love Interest wäre in der Form weiblich imo nicht so einfach möglich, aber das betrifft die Figur Tonks nur mittelbar. Dass sie sich offensichtlich charakterlich soweit an ihn anpasst, dass ihr Patronus sich verändert sähe ich als Problem an - wenn nicht Snape dasselbe tun würde. Dies ist also offensichtlich im Potter-Universum kein spezifisch weibliches Phänomen.

Die Figur Tonks wird leider vollkommen sinnlos geopfert, um Remus' Echo verfügbar zu machen. Da zeigen sich dann in der Tat wieder sexistische Strukturen. Das sehe ich allerdings nicht als Problem der Figur selbst sondern des Umgangs mit ebendieser Figur.

Das Meer ist in vielerlei Hinsicht nur eine nassere Art von Luft
(Terry Pratchett)
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Caddy

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: muemel]

muemel schrieb:
Das sehe ich allerdings nicht als Problem der Figur selbst sondern des Umgangs mit ebendieser Figur.


Ich fürchte, diese Unterscheidung ergibt für mich keinen Sinn. Was soll denn die »Figur selbst« unabhängig vom Umgang mit ihr sein?

Look at the octopus. Look into his great inhuman eyes.
~ William S. Burroughs, »Octopus«

E Caddy come corpo morto cade.
~ Dante Alighieri, Commedia
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muemel

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Caddy]

Naja, die "Figur selbst" ist für mich die Summe der Handlungen, Gedanken und Entscheidungen dieser Figur*. Das schließt Reaktionen auf das, was ihr widerfährt, selbstverständlich ein. Die "Reaktion" Tot sein ist bei tödlichen Treffern aber nicht zu vermeiden für die Figur. Es ist etwas, was ihr widerfährt, keine eigene Handlung.

*Neben äußeren Merkmalen, die sind in den meisten Geschichten weniger entscheidend.

Das Meer ist in vielerlei Hinsicht nur eine nassere Art von Luft
(Terry Pratchett)
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Caddy

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: muemel]

Bei Harry Potter handelt es sich nun aber ganz klar um ein komponiertes Werk. Dass Tonks stirbt, ist eine Entscheidung vonseiten Rowlings – und zwar auf derselben Ebene wie die Entscheidungen, dass sie Aurorin ist, dass sie tollpatschig ist usw. Die Figur wird vom Autor konstruiert durch alles, was die Figur eben betrifft.

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muemel

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Caddy]

Selbst wenn man das so sieht (was ich nicht tue, für mich sind diese Entscheidungen auf unterschiedlicher Ebene. Ansonsten gäbe es in komponierten Geschichten quasi nur genau eine Ebene, weil der Autor nunmal alles entscheidet), macht es die Figur trotzdem eher grau für mich als dass es sie komplett in eine Reihe mit den anderen weiblichen Charakteren stellt.

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Cecilya

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Caddy]

Ich sehe da aber schon einen Unterschied zwischen den beiden von muemel angesprochenen "Ebenen". Während man den Punkt "tot sein" einfach weglassen kann, ohne etwas an der Figur zu ändern (also wie sie auf andere Ereignisse reagieren würde, ihre Wünsche und Ambitionen etc.), ginge das bei so etwas wie "Auror sein" nicht. Das ist hier natürlich sehr krass, denn eine tote Figur kann ja nun nicht mehr handeln - d.h., andere Ereignisse, die Tonks widerfahren würden, hätten natürlich auch einen Einfluss auf die Figur.

Natürlich hat Rowling die Figur so komponiert und da gehört auch ihr Tod dazu. Das muss in die Bewertung mit einfließen, vor allem, da Tonks ja nicht einfach ein Mensch ist, sondern eben einen Romangestalt. Ich sehe aber den Unterschied zwischen den beiden oben genannten Aspekten insofern, als dass der Charakter sich nicht entscheidet, tot zu sein und es dementspechend nicht in die interne Logik des Charakters passen muss, da es von außen über ihn gestülpt wird. Rowling versucht ja, realistische Menschen darzustellen, und von dieser Perspektive aus ist Tonks nicht klischeeweiblich. Dass Rowling dann in letzter Instanz davon abweicht und Tonks als Mittel zum Zweck tötet, verändert die Sicht auf den Charakter, aber eben nicht durch den Charakter selbst (da sie sich, soweit ich mich erinnere, nicht für jemanden opfert oder dergleichen).



"There are three things to remember about being a starship captain:
keep your shirt tucked in, go down with the ship, and never abandon a member of your crew."
Captain Kathryn Janeway, Star Trek Voyager
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sphnix

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Amata]

Amata schrieb:


Ich bin der Meinung, dass JKR davon ausgeht (wie ich es übrigens auch tue), dass ein Charakter sich gewissermaßen aus dem, was ein Mensch in seinem Leben erlebt und quasi erebten Eigenschaften zusammensetzt. Wie groß welcher Anteil letztlich ist, ist selbstverständlich schwer zu sagen, aber mir fällt es schwer, sich ein Neugeborenes wie ein weißes Blatt Papier vorzustellen.




Mir auch, weil die Papiermetapher suggeriert, es gäbe eine leere Charaktersubstanz; und ich halte "Charakter" nicht für eine solche Substanz, sondern für eine eingeübte und änderbare Denk-, Verhaltens- und Perspektivpraxis. Insofern lehne ich selbstverständlich jedwede Vererbungsmystik ab, welche ja immer davon ausgehen muss, genetische Dispositionen und soziale Kategorien entsprächen einander irgendwie magischerweise (). Insofern kritisiere ich Rowlings Weltbild hier schon an sich. Ich kritisiere es aber auch noch einmal explizit auf die Logik des Romans verrechnet, weil sie darin nicht "Anteile" beschreibt, sondern Freiheit und Bestimmung (genetischer und schicksalhafter Art) vollgültig, aber abwechselnd - und ergo widersprüchlich - setzt.


In Bezug auf:

Dass der Hang zu Macht in der Familie der Gaunts immer stärker und auch verrückt geworden ist, stellt damit meiner Meinung nach keinen Widerspruch dazu da, dass irgendwelche Begabungen und Charkterzüge mit Vorhandensein von Magie bei den Vorfahren unabhängig sind.



Es stellt zu allermindest einen Verstoß gegen die eigene Ethik auf, die in den Büchern vertreten wird: Wenn Harry Slughorns Vermutung, dass Zauberfähigkeit mit der Herkunft zusammenhängt, empörend findet, dann kann er das nicht auf der Grundlage tun, dass das halt nicht zutrifft (denn ein Irrtum ist nicht empörend). Er muss es auf der Basis tun, dass er ein solches Denken, eine solche Beurteilung des Menschen/Zauberers nach seiner Herkunft verwirft.



In Bezug auf:

Und selbst wenn wir von einem Konzept der vollständig ererbten Eigenschaften ausgehen: Letztlich sollen die Menschen in HP aufgrund ihrer Taten und Entscheidungen beurteilt werden, und nichts sonst.



Genau - und eben das ist die groteske Zweigleisigkeit, die ich meine. Wir haben auf der einen Seite die komplette Vorbestimmung, und auf der anderen Seite die komplette Freiheit. Beides wird gegeneinandergehalten, aber nicht in einen gemeinsamen Kontext gesetzt. Abgesehen davon ist beides - gerade in seiner Widersprüchlichkeit - der momentanen Denke ungeheuer verbunden und verpflichtet. Auch darin, dass alle sozialen Kategorien unter den Tisch fallen und gesellschaftliche Bedingungen nur als offene (und letztlich durch "Machtmißbrauch" zustandegekommene) Bevormundung/Repression negativ beschreibbar sind, nicht aber als strukturelle und kategoriale Gewalt. Dies zeigt sich gerade in Bezug auf den eigentlich "Rassismus" in H.P:, also das Verhältnis von Zauberern zu Muggeln:
Denn in der Zaubererwelt entspricht der "Rassen"zuordnung ein reales Anderssein, ein Anderssein der Lebensweise und der Fähigkeit. Dadurch, dass dieses Anderssein mit dem Gedanken an Rassismus gekoppelt wird, wird der Grund lage des Rassismus hofiert. Die Kategorien des Rassisten werden nicht angetastet, angetatstet wird bloß seine Bewertung des "Anderen": Rowling propagiert "Toleranz", und Toleranz bezeichnet nichts anderes als die Duldung/Akzeptanz des in seiner "Andersheit" vorweg fix bestimmten und darin festgefrorenen, ergo verdinglichten Gegenübers.


In Bezug auf:


Ich bezweifle, dass sich Dumbledore anders zu Tom Riddle verhalten hätte, hätte er damals schon genauestens über seine Herkunft Bescheid gewusst.




Wie auch, er misstraut ihm ja schon in dieser Situation


In Bezug auf:
sphinx schrieb:
Der Flammifer schrieb:

Der Gehorsam der Elfen wird auf zwei Ebenen eingeführt, denke ich – einerseits als magisches Gesetz, andererseits als internalisierte Servilität.
Im zweiten Band widersetzt sich Dobby ja den Regeln, die für Hauselfen gelten, und muss sich dafür immer bestrafen. Ich schätze, dass er durch Magie dazu gezwungen wird – also ja, mechanisch. Aber ein Mechanismus, dem er zwangsweise unterworfen wird, nicht ein allen Elfen inhärenter Mechanismus. Meine ich zumindest, und möglicherweise ist das in den Büchern auch nicht sehr deutlich gemacht.



Die Zweigleisigkeit zwischen internalisierter (potenziell durch den Einzelnen auflösbarer) Servilität und mechanisch-magischem Gesetz sehe ich auch. Ich glaube nur nicht, dass das innerhalb der Bücher auflösbar oder gut dargestellt ist, unter anderem deswegen nicht, weil wir nicht erfahren, wie eine solche Hauselfensozialisation ausschaut, von der die "äußere" Gesetzmäßigkeit ausgeht usw. (Auch die Elfen in Hogwarts funktionieren ja nach Elfenlogik, obwohl Dumbledore sie anscheinend nicht dazu nötigt)



Was meinst du genau mit deiner Antwort auf Flammifer? Dass bei der Dienstbarkeit der Hauselfen zwei Punkte hineinspielen, habe ich immer so gesehen, und ich weiß nicht, was du daran anders dargestellt haben möchtest. Es wird für mich den ganzen zweiten Band sehr deutlich, wenn Dobby, der ja selbst etwas anderes will (Harry warnen) durch die magische Gesetzmäßigkeit gezwungen ist, sich selbst zu bestrafen.
Was mit den Hauselfen in Hogwarts nicht stimmen soll, weiß ich auch nicht. Dumbledore behandelt sie gut, sie sehen deshalb keinerlei Gründe zu Rebellionen wie Dobby sie sah, und sind stolz darauf, Dumbledore dienen zu dürfen. Dass sie da mit Hermines BELFER nichts zu tun haben wollen, ist doch klar.




Die Hauselfen in Hogwarts sind untergebene Dienstidioten, die sich mit ihrer Lage zufriedengeben und an "Elfentum" glauben, es positiv besetzen. Die Hauselfen in Hogwarts haben ein rassistisches Bewusstsein. Wie sei behandelt werden, spielt dabei nicht die geringste Rolle, relevant ist, dass sie in "inhumanen", einem Ich nicht angemessenen Kategorien von sich denken. Sie denken von sich als Gattung, also als Ding.



In Bezug auf:
Zu deinem Problem mit der Ökonomie trotzdem ein paar Gedanken: Dass Geld keine Ausnahme von Gamp darstellt, halte ich für nicht belegt. Die Galleonen von Hermine sind Fälschungen, und ich bin mir sicher, jeder Kobold kann den Unterschied erkennen, auch dann wenn sie die Seriennummer nicht verzaubert hätte (ähnlich Godrics Schwert)




Abgesehen davon, dass der ganze Gamp an den Haaren herbeigezogen und durch nichts anderes motiviert ist, als dass sie Einschränkungen braucht, weil sonst "alles" möglich ist (aber dazu mehr bei der Kritik der Darstellung von Zauberei): Auch wenn Geld fälschungssicher ist, ist die Zaubererwelt eine Welt, in der nicht ersichtlich ist, wozu es gebraucht wird. Dass es in der Zaubererwelt dieselbe Stellung hat wie in der menschlich-bürgerlichen, verweist darauf, dass die Autorin die Voraussetzungen bürgerliche Lebensweise unhinterfragt als "irgendwie allgemein" setzt. Und sie damit fixiert.


In Bezug auf:

Da Rowing aber wohl kein Buch über den Kapitalismus schreiben wollte, gehe ich davon aus, dass hätte sie die Problematik bemerkt, sich entweder extrem konstruierte Erklärungen (mal wieder) ausgedacht hätte oder das Beschwören aus Nichts abgeschafft hätte.



Man kann kein Buch schreiben, das in einer kapitalistischen Welt spielt, aber den Kapitalismus nicht zum Thema hat. Rowling hätte die Möglichkeit gehabt, die Zaubererwelt "anders" zu gestalten; in manchen ihrer Ausprägungen erscheint diese ja auch jetzt noch in den Büchern als diffus-vormodern oder zumindest frühneuzeitlich (was im Kontext des Buches dann vollkommen unmotiviert ist und nach Antiquitätenfolklore schmeckt). Rowling hätte eine Zaubererwelt ohne Beruf und Banken gestalten können, die ein real anderes zum Bürgerlichen darstellt und gerade deswegen auch im bürgerlichen auftaucht (bei Susanna Clarke geht es eher in diese Richtung). Sie hätte auch eine Zaubererwelt nach bürgerlichem Zuschnitt machen können, wenn sie es denn gekonnt und das Problembewusstsein dafür gehabt hätte. Sie hat aber keines von beidem getan, sondern stattdessen eine Zaubererwelt geschaffen, die auf den ersten Blick das angeblich "andere", exotische, "unbürgerliche" ist (und dadurch den bürgerlichen eskapistischen Phantasien genauso entspricht wie der "edle Wilde" bei Rousseau) , und die auf den zweiten Blick strukturell der bürgerlich-modernen Gesellschaft in fast allem exakt entspricht, von Bürokratie und Medienmacht bis hin zu Schulpflicht, Sportkult, Geschlechterrollen, Feierfolklore (Ehe, Weihnachten) und Wirtschaft. Diese strukturelle Entsprechung wird durch magische Kolonialwarenartikel verschleiert.
Das
In Bezug auf:
Die Zaubererwelt soll, so faszinierend anders sie auf den ersten Blick ist, unserer Welt ähnlich sein und die gleichen Sorgen, Ängste, Probleme und Nöte treten dort auch auf: Armut genauso wie Rassismus, und auch Prüfungsangst und Liebeskummer.


könnte nur dann irgend funktionieren, wenn die von dir dargestellten Probleme (auch) aus dem Kontext der Lebenswirklichkeit, der sozialen Gegebenheiten etc in der Zaubererwelt erklärbar wären, wenn kritisch Analyse möglich wäre. Das ist nicht der Fall, jedwede Kritik richtet sich auf ncihts strukturelles, sondern auf individuelles Fehlverhalten (Umbridge, Fudge) - insofern erzeugt das Buch ein Stück weit den pseudokritischen, systemaffitmativen Menschen.

Moloch in whom I sit lonely! Moloch in whom I dream Angels! Crazy in Moloch! Cocksucker in Moloch! Lacklove and manless in Moloch!
Moloch who entered my soul early! Moloch in whom I am a consciousness without a body! Moloch who frightened me out of my natural ecstasy! Moloch whom I abandon! Wake up in Moloch! Light streaming out of the sky!


(Ginsberg)
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Caddy

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: muemel]

muemel schrieb:
Ansonsten gäbe es in komponierten Geschichten quasi nur genau eine Ebene, weil der Autor nunmal alles entscheidet


Nein, das ist ein Trugschluss. Selbstverständlich entscheidet der Autor alles (ich rede auch ganz bewusst nicht von einem Bewusstsein des Autors für seine Entscheidungen), das führt aber nicht automatisch zu eindimensionalen Werken – warum auch? Du scheinst da gedanklich noch irgendeinen Zwischenschritt einzulegen, der da aus meiner Sicht nichts zu suchen hat.

Wenn wir nun aber die Figuren daraufgehend untersuchen, inwieweit sie ein Bild der Bürgerlichkeit vermitteln, ist die gesamte Zeichnung der Figur zu berücksichtigen, ohne nicht ganz nachvollziehbare (und im Detail auch gar nicht aufrecht zu erhaltende) Aufsplittung in von Rowling vorgeschriebene Gegebenheiten und von Tonks selbst bestimmte Gegebenheiten (die trotzdem von Rowling vorgeschrieben sind).

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sphnix

Gefährte

Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: muemel]

muemel schrieb:

Mein größtes Problem mit der Reihe ist der grundlegende Sexismus. Mit Ausnahme von Tonks sind wir quasi ausschließlich von bürgerlich-akzeptablen Weibchen umgeben.




... die nach Blumen riechen, siehe Ginny.
Und ja, ich halte das auch für ein Problem, halte aber das Rasismusproblem insofern für perfider, weil man da scheinbar sehr stark den "Antirassimus" dagegen hat, während Geschlechterrollen ja garnicht thematisiert werden, was ja auch bezeichnend ist.


In Bezug auf:
Seien sie nun Hausfrauen (die aber natürlich ganz doll fähig sind, sobald es gegen ihre Kinder geht), ledige Lehrerinnen (alt und gestreng selbstverständlich) oder "erste Untersekretärin des Ministers". Bellatrix ist ein bisschen ein Sonderfall, aber auch sie ist unglaublich devot (die devoteste von allen Todessern meiner Wahrnehmung nach) und außerdem so offensichtlich durchgeknallt und wahnsinnig, dass wir sie eher als abschreckendes Beispiel verbuchen müssen. Fleur ist eine unglaublich fähige Hexe, sonst wäre sie nicht im 4. Band Schulchampion geworden. Und was macht sie nach der Schule? Teilzeit bei Gringotts arbeiten, um "ihr Englisch zu verbessern" und dann, soweit wir wissen, Hausfrau. Hogwarts hat zwar zwei weibliche Gründer, aber natürlich sind ihre Häuser die unbedeutenden. Hermine ist zwar ziemlich cool, aber selbstverständlich ist sie die Streberin der Gruppe, diejenige, die sich am ehesten regelkonform verhält. Und so weiter. (Es kommen zwar am Rande einige weitere weibliche Charaktere vor, über die wissen wir aber schlicht gar nichts)
In einer Welt, in der es nie auf körperliche Leistungsfähigkeit angekommen ist, ist es imo hochgradig unwahrscheinlich, dass sich Geschlechterstereotype in genau dieser Art und Weise herausbilden sollten.



Ich sehe Sexismus in keiner Weise irgendwie kausal mit körperlicher Leistungsfähigkeit gekoppelt, sondern - zumindest in der heutigen, in den Büchern durchegführten Variante des Sexismus - als kausal mit der neuzeitlich-bürgerlich-kapitalistischen Spaltung der Welt in öffentliche und private Sphäre. Insofern ist der Sexismus sowohl konsequent wie auch unsinnig. Konsequent, weil die Welt der Zauberer (auch ökonomisch) eine bürgerliche ist, unsinnig, weil diese ökonomische Struktur keine reale Grundlage hat. Übrigens störe ich mich weniger daran, dass Frauen sich rollenkonform verhalten, als dass dieses Verhalten kein Problem darstellt und auch sogut wie kein offener Sexismus als Sexismus dargestellt wird. Insofern sind die Bücher (was "Bewusstseinsbildung" angeht) vermutlich sogar verheerender als das Zeug von Else Ury, bei der Mädchen dies und das "nicht tun" und dieses nicht-tun offen normativ ist. Hexen in Hogwarts dürfen alles, und die Jungs ekeln sie auch nicht aus der Qudditchmannschaft, aber dennoch ist der Sport für sie "auch wichtig", aber meist sekundär, trotzdem haben sie die dolle soziale Kompetenz, mögen Kosmetika/Schönheitszauber und flauschige Viecher etc. Insofern werden in den Büchern Rollen extrem naturalisiert.

Ärgerlich in dem Kontext ist übrigens auch die Prüderie, wiederum steht Rowling hier Else Ury in nichts nach. Ich hätte gut auf den ganzen hihi-Pubertätskram ab Band 5 verzichten können, aber Pubertätskram geschildert zu bekommen, in dem Verliiiiebtheit auf Knutschen und rosa Wölkchen hin angelegt ist und sich keiner der Jungs einen runterholt, das ist albern. Sie ist in der Beschreibung der Verlliiiiiiebtheit viel zu ausführlich, als dass sie sich diese aseptische, asexuelle Schreibe leisten könnte (die bei größerer Distanz zum ganzen Themenkomplex problemlos möglich gewesen wäre). Und dass im ganzen HP-Universum eigentlich keine Kinder jenseits der Ehe geboren werden, eigentlich auch nicht wirklich Sex jenseits von Ehe stattfindet bzw. Liebe immer auf Ehe (und natürlich aufs monogam-bürgerliche Partnerschaftskonzept hin) ausgerichtet ist, macht die Sache nicht besser.

In Bezug auf:

Was ich ebenfalls auffällig (und ekelhaft) finde: selbstverständlich ist Bellatrix kinderlos. Eine Mutter könnte nie so sein, wie Bellatrix ist. Mutterliebe ist schließlich auch das einzige Mittel, was gegen Voldemort hilft.




... was angesichts von Bellatrixens Magdagoebbels-Charakter natürlich tatsächlich idiotisch ist


In Bezug auf:

Als ich deinen Text, Sphinx, gelesen hab, ist mir aufgefallen, dass im Wirtschaftssystem-Punkt sogar Eragon (das elfische Gesellschaftssystem) besser ausgearbeitet und durchdacht ist als Harry Potter. Und das will schon was heißen

Das kenn ich leider net, sonst würde ich mich an einer vergleichenden darstellung versuchen

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Caddy

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Re: Ja und Nein und Ja und Nein und Hü und Hott und Hin und Her [Re: Cecilya]

Cecilya schrieb:
Während man den Punkt "tot sein" einfach weglassen kann, ohne etwas an der Figur zu ändern (also wie sie auf andere Ereignisse reagieren würde, ihre Wünsche und Ambitionen etc.),


Damit setzt Du die von mir in ihrer Sinnhaftigkeit angezweifelte Aufsplittung doch aber schon voraus – selbstverständlich verändert der Tod die Figur, da der Tod nun einmal Teil der Figurenzeichnung ist.

In Bezug auf:
Ich sehe aber den Unterschied zwischen den beiden oben genannten Aspekten insofern, als dass der Charakter sich nicht entscheidet, tot zu sein und es dementspechend nicht in die interne Logik des Charakters passen muss, da es von außen über ihn gestülpt wird.


Tonks entscheidet sich auch nicht, tollpatschig zu sein, trotzdem gehört das mit zur Figurenzeichnung. Auch nimmt Tonks das Risiko in Kauf, zu sterben, auch wenn sie sich nicht bewusst für den Tod entscheidet. Ein Beispiel, das durch seine Stärke vielleicht klarer herausstellt, was ich sagen will: Lupin entscheidet sich nicht dafür, von einem Werwolf gebissen zu werden. Dennoch ist seine Werwolfexistenz ein – vielleicht der – entscheidende Faktor seiner Figurenzeichnung. Das zeigt doch alles nur, dass »Entscheidung« hier ein völlig unpassender Ansatz ist.

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